„Das dürfen Sie mir nicht ins Gesicht sagen!“ erwiderte Frau Krichelmann, „ich habe Fräulein Fritzi nicht zu hüten! Ich weiß nur, daß sie bei Fräulein Liane schlafen wollte! — Sie zahlen pünktlich die Miete für Fräulein Fritzi, Sie sind mir ein lieber Mieter, Herr Freidank! aber ich bitte Sie, machen Sie keinen Lärm hier.... mitten in der Nacht....“
Freidank warf die Türe zu und jagte die Treppen hinunter. Er dachte daran, wie er sie vor drei Wochen unter tausend Zweifelschmerzen gesucht und nicht gefunden hatte und ihr dann selber untreu geworden war.... Er hatte nie den Mut gefunden, Fritzi zu fragen, wo sie jenen Abend verlebt hatte. Und heute? — Ganz flüchtig kamen ihm Aloys Binders Reden in den Sinn. Aber das war nichts, konnte nichts sein, als haltlose Prahlerei. Seine Fritzi... und dieser rohe, tierische Mensch mit der niedrigen Stirn und dem steilen, borstigen Haar... Und dann — bei dem Kampfe des heutigen Abends mochten Binder die Liebesgedanken für diese Nacht wohl gründlich vergangen sein. —
Eberhard lief durch die Straßen; ohne daß er eigentlich die Absicht hatte, gelangte er zu dem Hause, in dem Aloys Binder mit Madame Celeste wohnte. Die drei Fenster im ersten Stock, die dicht verhängt waren, gehörten zu Binders Zimmern. Schmale Lichtstreifen schimmerten durch die Ritzen. Jetzt wurde an einem Fenster der Vorhang aufgezogen und das Fenster geöffnet. Eine weibliche Gestalt beugte sich hinaus, sah den Himmel an, trat wieder zurück und schloß die Fenster. Eberhard hatte sie genau erkannt; es war Madame Celestes zarte, schlanke Silhouette. —
Die Nacht ging schon auf den Morgen zu. Ein dünner, warmer Regen floß grau aus schweren Wolken. Eberhard ging mit matter Seele und erschlafften Sinnen in das Kaffeehaus, in dem die Ringkämpfer den größten Teil ihrer Nächte zuzubringen pflegten. Jetzt erst gehörte er ganz zu ihnen....
Aber die Kollegen waren zum größten Teil schon fortgegangen; nur Manuel Gomez und der stille Türke waren noch anwesend. Der unverträgliche Spanier fand keinen Zechgenossen mehr außer dem Türken, mit dem er sich in keiner Sprache verständigen konnte. Faul, fast unbeweglich, lagen sie auf den Stühlen und betranken sich schweigend.
Eberhard ging aufs Geratewohl in ein anderes Kaffeehaus hinein. Dort saßen, vor neugierigen Blicken durch einen Vorhang ein wenig geschützt, Kiesling, Roditscheff und Leonie Krömer. Leonie erschrak, als sie Freidank erblickte, aber Kiesling beruhigte sie:
„Der spricht nicht, Fräulein, er ist ein honetter Kerl! ... Am besten, wir holen ihn an unsern Tisch und lassen ihn merken, daß er zu schweigen hat....“
Eberhard kam. Er hatte die Situation schnell begriffen. Leonie saß mit dem Russen auf dem kleinen, roten Ecksofa und hielt die schönen Augen auf den Maiglöckchenstrauß gesenkt, den Roditscheff ihr gebracht hatte. Ihre letzte Widerstandskraft war zerbrochen. Von Zeit zu Zeit zuckte es leise um ihren Mund, ein Lächeln schamvoller Verlegenheit. Aber ihre Seele hatte sich dem riesigen, helläugigen Ringkämpfer schon ergeben. Leonie wartete in Scham und Sehnsucht, bis Sergej sie an der Hand nehmen und im Triumphe als sein Eigentum und sein Liebchen nach Hause führen würde....
„Hatten Sie ein Stelldichein hier, Roland?“ fragte Kiesling mit seinem flüchtigen, schmalen Lächeln. „Alsdann ist Ihnen die Dame ausgerückt, wie mir scheint.“
Freidank kämpfte mit sich. Sollte er sprechen und Fritzi kompromittieren? Aber die beiden, die von ihm Verschwiegenheit über Fräulein Krömer erwarteten, konnten ihn vielleicht aufklären, konnten vielleicht die zermalmende Ungewißheit lösen.