Sie standen vor der Haustür. Binder führte das Mädchen ins Haus. Fritzi überwand eine letzte Bangigkeit und flüsterte:

„Ist niemand oben? Werden wir ganz allein sein?“

Der Ringkämpfer würdigte sie einer Antwort:

„Celeste ist natürlich oben. Du kennst sie ja, Fritzi!“

Madame Celeste? Sie, die doch nur Binders Geliebte war, sie war Fritzi immerhin als ein Bild alles Reinen und Hohen erschienen. Die kleine, leichtfertige Chansonette, welche das zermalmende, brutale Leben noch nicht in all seiner Raffiniertheit und Roheit kennen gelernt hatte, zitterte unwillkürlich bei dem Gedanken, als eine Sünderin vor den ernsthaften, reinen Augen Madame Celestes zu stehen. Binder aber, in dem alle niedrigen Instinkte wieder munter geworden waren, als er mit Fritzi durch das dunkle Treppenhaus schritt, verstand ihr Zittern falsch:

„Sie tut dir nichts, mein schwarzes Kätzchen! O nein!“ er lachte höhnisch, „im Gegenteil! — Bedienen wird sie dich, Fritzi, sie wird tun, was du verlangst....“

Zwar war er seiner Sache nicht ganz sicher, betrat aber doch mit herrischer, siegesgewisser Miene an Fritzis Seite den kleinen Ecksalon. Er war leer, aber das Glühlicht der mehrarmigen Lampe leuchtete über einem weißgedeckten Tische mit freundlich angerichteten Erfrischungen.

Binder selbst war bei diesem Anblicke betroffen. Celeste war also seinem kaum ernstgemeinten, frechen Befehle, ein kleines Abendessen für ihn und eine Dame herzurichten, nachgekommen? Und ihre Unterwerfung rührte ihn nicht, sondern machte ihn nur übermütiger. Er zog ein Pfeifchen, um Celeste wie einen Hund herbeizupfeifen. Ehe er aber den Pfiff ausgestoßen hatte, trat Celeste selbst über die Schwelle des Schlafzimmers und begrüßte Binder mit seiner Begleiterin, ohne daß das Lächeln von ihren Lippen wich...

Wahrhaftig, Madame Celeste lächelte! Das Lächeln hielt ihre schönen Lippen geöffnet, so daß die blanken, schmalen Zähne sichtbar wurden. Sie hatte die dunkeln Ringe unter ihren Augen mit Schminke überdeckt. Wie der weiße Hauch auf üppig reifen Früchten lag ein zarter Puderschleier über ihrer Haut. Sie hatte das schwarze Haar zu einer hohen Frisur anmutig aufgebaut. Ihr hoher, schlanker Leib war heute in ein rotseidenes Kleid gehüllt, halb Hauskleid und halb Festgewand. Jung, schön, bizarr und phantastisch sah Madame Celeste aus, eine reizende, geschmückte Sklavin...

Binder starrte ihr mit unverschämter Siegermiene ins Gesicht und sah ihr unveränderliches, seltsames Lächeln. Sie lächelte, so meinte er, aus Verlegenheit... aus Scham .... O, sie sollte noch verlegener werden! Sie sollte noch tiefer gedemütigt werden! Jetzt war er über ihre Seele Herr geworden, nachdem er längst ihres Leibes Herr geworden war. Jetzt hatte er die Macht, die feine, stolze Seele bis zur letzten Erniedrigung zu zertreten! —