Ihre Weichheit war erstarrt, wie glühendes Eisen, wenn es in kaltes Wasser fällt. Er wollte es nicht anders ... er wollte es nicht anders!
Er schlief schon fast, als er, auf ihren Arm gestüzt, ins Schlafzimmer trat. Die rosa Ampel erhellte das Gemach mit mildem Schein. Fritzi schlief sanft und unbeweglich. Celeste bettete Aloys an ihrer Seite und deckte beide Schläfer mit der seidenen Steppdecke zu.
Aloys Binder lag regungslos im Schlafe. Kein Zug des unschönen Gesichts bewegte sich. Madame Celeste hatte einst die starke, urwüchsige Raubtierähnlichkeit dieses Antlitzes geliebt. Jetzt betrachtete sie mit dem tiefsten Haß die schmale Stirn unter der kräftigen, braunen Haartolle, die groben Backenknochen, die spitze Nase, das spitze und doch starke Kinn, welches abnorm weit vorgeschoben war. Sie prägte das häßliche, hochmütige Gesicht in ihr Gedächtnis ein, wie man das spitze Eisen in die wächserne Schreibtafel drückt, und ihr tödlicher Haß grub unauslöschliche Linien in das Gedächtnis.....
Celestes Lächeln war nun erstorben. Die junge Frau ging in den Ecksalon, wo die schalen Reste des Weins in den Gläsern standen. Sie wollte einen Schluck trinken, aber sie vermochte es nicht. Sie ging ans Fenster, zog den Vorhang zurück, öffnete das Fenster und sah hinaus. Sie wußte nicht, daß Eberhard Freidank unten stand und mit heißen Blicken hinaufspähte.
Der Kopf war ihr schwer, die Haare lasteten ihr mit unnatürlicher Wucht auf dem Schädel. Celeste schloß das Fenster und ihre Ruhe kehrte zurück, als sie sich dem Zimmer wieder zuwendete. Dort im Champagnerkühler lagen die weißen Papierhüllen, aus denen sie Trional in den Wein geschüttet hatte. Sie kannte die unfehlbare Wirkung des Schlafmittels, welches den stärksten Menschen mit tödlicher Sicherheit in Morpheus’ Arme zwingt. Der Arzt hatte es ihr gegen Schlaflosigkeit verschrieben. Ach, ihre Schlaflosigkeit hatte Gründe gehabt, gegen die man nicht mit Trional ankämpft. In diesen langen, schlummerlosen Nächten voll Sehnsucht, Scham und Reue war Celestes Seele, die von sinnlicher Lust eingeschläfert war, grauenvoll erwacht. Sie war nun wach, so furchtbar wach, daß sie wußte, sie würde niemals mehr Ruhe finden. Nun sollte der Genosse ihrer Schuld schlafen, schlafen.
Die junge Frau zog die Haarnadeln aus ihrer Frisur und ließ die Haare lose niederhängen. Dann spürte sie die leise Reibung des Haares an ihrer bloßen Haut. Sie dachte daran, wie einst ihr Gatte, den sie verlassen hatte, und nach ihm Aloys Binder, das volle, schwarze Haar geliebt hatten. Wie hatte sie Aloys in heimlichen Stunden süßer, ehebrecherischer Zärtlichkeit in ihre Haare eingehüllt und eingesponnen, wie hatte sie ihm die schönen Strähnen um Hals und Arme gewickelt und die dunkle Woge ihres Haares als einen Schleier über ihn gebreitet! Jetzt war ihre Liebe zertreten und ihr Herz ausgebrannt. Celeste warf einen unwillkürlich flehenden Blick rund um sich her, sie bog die Kniee, sie lag auf den Knieen, rang die weißen Hände und schluchzte lautlos:
„O Gott, o Gott, ich kann nicht anders, ich darf nicht anders, nun hilf mir, Herr Gott!“
Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie Gott lästerte. Ihr war es, als wäre von dem lästerlichen Gebete Kraft von oben zum schweren Vollbringen in ihr Herz geflossen. Mit finsterem Entschlusse stand sie auf.
Im Schlafzimmer goß die Ampel ihr sanftes Rosenlicht auf Aloys und Fritzi l’Alouette. Fritzi hielt noch im Schlafe kokett den Arm erhoben, auf dem ihr zierliches Haupt ruhte. Binder schlief nach seiner Gewohnheit auf dem Bauche liegend.