Celeste griff — sie hatte es so lange überlegt! — nach einem der damastenen Handtücher und legte es mit Händen, die nicht zitterten, um Aloys Binders Hals. Dann knüpfte sie die Enden zusammen. Sie wollte ihn in der Handtuchschlinge erwürgen. Sie fing an zu drehen. Binder schlief so fest, todesähnlich... Er spürte nicht, daß sie ihn würgte.... Dann ließ die Kraft ihrer Hände nach, sie suchte nach einem Knebel. Ein buchener Kleiderbügel, der zufällig auf dem Nachttische lag, war ein passender Knebel zum Drehen der Schlinge. Celeste drehte mit wilder Kraft, denn jetzt — jetzt zuckte Aloys Binder, jetzt erwachte er unter dem mörderischen Drucke der Schlinge, jetzt setzte seine Gegenwehr ein..... Oder waren es nur die konvulsivischen Zuckungen des Todeskampfes?
Die kleinen, tückischen Augen! sie quollen groß aus den Höhlen, sie schauten auf Celeste mit einem gräßlichen Blick; Schaum trat aus dem Munde, und unter einem fürchterlichen, knarrenden Gurgeln ging die bläuliche Zunge des Erwürgten aus dem Halse hervor. Celeste wendete sich ab und drehte, drehte.... drehte die Schlinge.... drehte.....
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In der Morgenfrühe wurde wild an Aloys Binders Wohnungstür geklingelt. Eberhard stand draußen und riß fast die Schelle ab. Niemand öffnete ihm. Der helle Ton sprang von dem Korridor in die Zimmer, hüpfte auf das breite Doppelbett im Schlafzimmer und weckte Fritzi aus törichten, lüsternen Träumen. Schon Morgen? — Und wo — wo war denn Aloys Binder? Hier war er, neben ihr... Er hatte geschlafen, wie sie....
Fritzi rieb sich die Augen, richtete sich auf und sah mit ihrem ersten klaren Blick gerade in die erstarrten, offenen Totenaugen des Erwürgten. Sie stieß einen entsetzlichen, gellenden Schrei aus und sank, von allen Schauern des Todes gepackt, auf das Bett zurück. Sie wagte nicht einmal, sich von der Leiche fort zu rühren. Sie hatte die Beine an den Leib gezogen und lag halb kauernd auf dem Spitzenkissen, während ein mörderisches Grauen ihre Glieder und ihre Zunge lähmte. Käme doch nur noch einmal der Klingelton, so würde sie wagen, sich aufzuraffen! Alles blieb still...
Dann wurde draußen die Tür vom Schlosser geöffnet. Eberhard hatte die Wirtin, welche den gräßlichen Schrei vernommen hatte, herbeigerufen, und man hatte die nahe Polizei alarmiert. Ein Polizeiwachtmeister kam mit zwei Schutzleuten. Ihre harten Schritte schallten über den Flur und stampften in den Ecksalon hinein.
„Im Namen des Königs!“ rief der Polizeiwachtmeister laut und drang mit seinen Untergebenen in das Schlafzimmer ein. Eberhard und die Wirtsfrau folgten ihnen.
Auf dem Bette kauerte Fritzi wie erstarrt, mit glühenden Augen, und neben ihr lag, wie ein verendetes Tier, die Leiche Aloys Binders. Das Gesicht des Ringkämpfers war mit blauen Flecken bedeckt, sein Haar stand borstig in die Höhe und zwischen den blauen Lippen hing die Zunge, zerbissen und blutig.
Auf dem Teppich vor dem Bette hockte Madame Celeste. Sie hatte ihrem Opfer die Totenwache gehalten. Die Nacht lang, bis der Morgen graute, hatte sie sich an dem Anblick des entstellten Gesichts geweidet. Merkwürdig, wie dieses Antlitz sich verändert hatte, als gegen Morgen die Ampel blasser brannte und der graue Tag auf die scharfen, unschönen Züge fiel! Celeste hatte kein Auge von Binders Angesichte abgewendet. Sie spürte nichts, als die gewaltige, satte Befriedigung des Raubtieres, welches seine Gier in Blut gestillt hat.