„Ach, Sie verekeln sie mir nicht —!“ erwiderte Thyssen, „ich bin ein wenig resigniert... Vorgänger stören mich nicht mehr... Kein Mensch findet, was er sucht. Ich, wissen Sie, ich liebe die Kleinen, Schlanken, Zarten... Ich liebe sechzehnjährige Jugend... Und gerade diese Kleinen... es gehört Zeit dazu, in ihnen die Liebe zu erwecken. Diese Zeit habe ich nicht, nirgends... Da helfe ich mir mit Surrogaten... Fritzi l’Alouette — sie hat so schmale Schultern, so kindliche Hüften... so naive Händchen... sie tanzt so rührend ungeschickt...“

So war Fritzi l’Alouette Thyssens Freundin und Begleiterin geworden, zwei Tage vor Beginn des neuen Jahres, eine Woche nach Aloys Binders elendem Sterben. Die „fröhliche, selige“ Weihnachtszeit lag dazwischen. Eberhard hatte es nicht über sich gewonnen, die festlichen Tage mit Fritzi zu verleben. Am Weihnachtsabende, als das Theater geschlossen war, hatte er allein zu Hause gesessen und trüben Gedanken nachgehangen, bis Frau Ambrosius an seine Tür geklopft und ihn gebeten hatte, an ihrer Weihnachtsfeier teilzunehmen.

Die Damen Ambrosius hatten einen kleinen, hübschen Tannenbaum nur mit wächsernen Engelchen und Kerzen aus weißem Wachsstock aufgeputzt. Als die Lichter freundlich brannten, kam Freidank dazu und schämte sich, daß er mit leeren Händen kam. Aber das Beschenken war nicht Mode bei Mama Ambrosius. Man freute sich einfach an einem gut zubereiteten, hübsch servierten Mahle, am Glanz der Flammen, dem herben Waldduft der Tanne und dem süßen Honigduft des heißen Wachses. Schließlich hatte Therese doch, ein wenig verschämt, ein Monogramm herbeigeholt, welches sie in ihren Freistunden mit Goldfäden auf schwarze Seide gestickt hatte. Es war sehr nett, sehr gemütlich und festlich gewesen, und Eberhard hatte sich in dieser Atmosphäre von bürgerlicher Behaglichkeit und Wohlanständigkeit den ganzen Abend lang sehr wohl gefühlt, bis Mama Ambrosius den Fehler beging, von Adolf Tönnies zu sprechen.

Tönnies hatte sich natürlich nie mehr blicken lassen, zum großen Schmerze von Mama Ambrosius, die ihn als einen annehmbaren Verehrer Thereses estimierte. Als Therese auf einige Minuten in die Küche gegangen war, scheute sich Frau Ambrosius nicht, offen mit Eberhard über diese Idee zu sprechen:

„Er ist noch jung, Herr Freidank! Genau so alt, wie Therese. Aber immerhin... sie könnten warten... Therese hat inzwischen ihr sicheres Brot! Ein studierter Mann, Herr Freidank, ist ein studierter Mann.... Was sagen Sie dazu?“

„Sie haben recht, Frau Ambrosius,“ sagte der Ringkämpfer kalt. „Nur hoffe ich von Fräulein Thereses gutem Geschmack, daß sie nach der Zuneigung wählen wird und nicht nach dem Studium.“

„Begeben Sie sich an das Studium meiner selbstgebackenen Weihnachtskringel!“ rief Therese, die beim Eintreten das letzte Wort gehört hatte, und stellte mit dem Erscheinen ihrer frischen, gesunden und heiteren Persönlichkeit die gute Laune wieder her. Aber Eberhard war nicht mehr recht froh geworden. Er gönnte Therese keinem jener falschen Freunde, die ihn ausgeschlossen und verstoßen hatten. Mit bitterem Gefühl bedachte er, daß Mama Ambrosius Lust hatte, ihre Tochter für diesen Tönnies aufzusparen, für diesen engherzigen Menschen das blühende, lebenslustige Mädchen zu reservieren und einzusperren...

In den Feiertagen hatte er alle früheren Bekannten gemieden und nur einige Zechgelage der Ringkämpfer mitgemacht. Es war aber kein Vergnügen. Sobald es ans Trinken kam, gaben sie sich sämtlich der ärgsten Ausschweifung hin. Am schlimmsten trieben es jeweils Sala ben Brahim, der Mohammedaner, und der „Stier von Granada.“ In der näheren und weiteren Umgebung des Odeontheaters war Manuel Gomez wegen seiner Trinksitten in allen Bierlokalen und Kaffeehäusern gefürchtet, seit er aus Wut über einen Kellner, der ihn nicht schnell genug bedient hatte, mit einem einzigen Fausthiebe eine starke, marmorne Tischplatte in drei Stücke geschlagen hatte. In einem andern Lokal hatte er ein Stuhlbein abgerissen und sämtliche Gäste hinausgejagt, weil der Wirt dem bis zur Sinnlosigkeit Berauschten nichts mehr verabreichen wollte. Den Wirt und die Kellner hatte er bis unter das Büfett gejagt, wo sie zitternd hockten und um ihr Leben baten. Als endlich ein Schutzmann erschien, trieb Manuel auch diesen mit dem drohend geschwungenen Stuhlbein in die Flucht und ging dann, die Jockeimütze auf dem schwarzen Lockenkopf, die riesigen Tatzen in den Taschen der großkarrierten Hose, als Sieger unbehelligt nach Hause.

Mit diesen Kameraden wollte Freidank nicht Silvester feiern und ließ sich von Mama Ambrosius einladen. Nachmittags ging er aus und schickte einen dicken Karpfen, braune, verzuckerte Silvesterpfannkuchen, Konfekt und alle Zutaten zu einem kräftigen Punsch ins Haus. Abends hatte er nicht zu ringen und kam zeitig aus dem Theater. Man hatte seine Sendung vergnügt und ohne Ziererei angenommen und eine appetitliche Festmahlzeit zubereitet. Als um Mitternacht der Punsch in einer porzellanenen Suppenterrine brennend auf den Tisch kam, als die Gläser gefüllt waren und die Frauen mit ihrem Gaste auf alles Gute im neuen Jahre anstießen, meinte Eberhard, seit undenklicher Zeit nicht so glücklich gewesen zu sein. Vielleicht bestand auch sein Glück nur in dem Hauche von Gesundheit und Jugendfülle, der von Therese Ambrosius ausging und sich wohltätig an Freidanks überreizte Nerven anschmiegte.

Sie hatte eine helle Bluse an, die den Hals frei ließ, und ihre braunen Zöpfe waren als einfacher Kranz rund um den Kopf gesteckt. Sie sah heute nicht wie eine Diana aus, sondern wie ein hübsches, lustiges junges Mädchen. Eberhard vergaß die Schatten des Todes, unter denen seine Liebe zu Fritzi in Asche zusammengesunken war, und gab sich ohne Nebengedanken dem Reize dieser ungefälschten Behaglichkeit hin. Zum Überflusse tat ihnen Mama Ambrosius, die an starke Getränke nicht gewöhnt war, absichtslos den Gefallen, in ihrer Sofaecke einzuschlummern. Sie hatte die verarbeiteten Hände über dem altmodischen Grünseidenen gefaltet und lächelte im Schlaf.