Dann wollte Eberhard frisch eingeschenkt haben und hielt Therese sein Glas hin. Lachend griff sie nach der Suppenkelle, die als Schöpflöffel diente, und füllte das Glas. Als sie es zurückreichte, hielt er ihre Hand fest und bat sie, den ersten Schluck zu trinken. Er trank an derselben Stelle, wo ihre Lippen geruht hatten, und als sich ihre Augen dabei trafen und Eberhard ihre natürliche Verlegenheit sah, nahm er die liebliche Stunde wahr und küßte Fräulein Therese Ambrosius.

Therese war zweiundzwanzig Jahre alt, und sie hatte bis zu dieser Silvesternacht nie geküßt. Von ihren Lippen ging ein reizender, frischer Hauch aus, der Hauch naiver, jungfräulicher Sinnlichkeit. Der junge Mann konnte sich an diesem blühenden Munde mit den gesunden, klaren Zähnen nicht sattküssen, er legte den Arm um Thereses Schulter und zog sie nah, noch näher, er bog den wohlgestalteten Hals zurück und fand kein Ende des fröhlichen Kusses, und da endlich spürte er den sanften Gegendruck von ihren Lippen.

Aber im nämlichen Augenblicke löste sie sich schnell und kraftvoll aus seinen Armen, trat einen Schritt zurück, streckte die Hände zur Abwehr vor und sprach bestürzt:

„O, was tun Sie da? — Was haben wir getan?“

„Fräulein Therese —,“ sagte er, „liebe Therese!“ Und er wollte sie wieder an sich ziehen. Aber Therese schaute ihm mit Schrecken und Abwehr ins Gesicht und stammelte:

„O — nein! Tun Sie das niemals mehr! O Gott, das ist eine Sünde!“

„Liebe Therese!“ sagte er milde, „gegen wen wäre das Sünde, daß Sie gut zu mir sind?“

Das junge Mädchen zögerte, sah ihn zweifelnd an, und Tränen stiegen in ihre Augen; dann deckte sie die Augen mit der Hand und flüsterte:

„Es wäre Sünde gegen Ihre Braut.“