„Aber nehmen Sie es doch, Herr Immermann! Die Regie richte ich Ihnen sehr gern ein. Das ist das wenigste! Sie bekommen es billig... Es ist doch direkt für Sie geschrieben...“
Endlich hörte der Direktor den bangen, flehenden Ton der Sorge aus Eberhards Worten.
„Ah so!“ sagte er freundlich, „das ist’s, darum liegt Ihnen so viel an Ihrem Stück... Nun, das passiert Jedem ’mal! Das kenne ich! Das hätten Sie doch gleich sagen können! Hier, Herr Freidank!“
Er griff in seine Westentasche und holte ein Zehnmarkstück heraus, welches er Eberhard in die Hand drückte, indem er bemerkte:
„Können mir’s ja wiedergeben, wenn es Ihnen paßt. — Nein, nein, nehmen Sie nur, keine Widerrede, junger Freund! — Weiß ja, junge Leute brauchen immer Geld, ja, ja!“
Eberhard sah alle seine Hoffnungen zerschellen. Eine wilde, finstere Verzweiflung tat sich vor ihm auf. Jetzt entschloß er sich, dem behäbigen, gutmütigen Direktor sein Leid rücksichtslos anzuvertrauen, trotz der Anwesenheit des Schreibers, die ihn unendlich genierte. Aber der Schreiber, der viel wechselvolle Schicksale und Artistenelend alltäglich sah, interessierte sich gar nicht für diesen dichtenden „Herrn Doktor“; übrigens nahm er jetzt Hut und Überzieher und ging zu Tisch. Da faßte Eberhard sich ein Herz und sagte dem Theaterdirektor ehrlich, aber in schamhaft abgerissenen Worten, wie es um ihn stand und wie er auf diese Arbeit seine letzte, ja, seine einzige Hoffnung gesetzt habe. In einiger Zeit werde er ja wieder Beschäftigung finden, aber jetzt... kurz vor Weihnachten...
Fritzi fiel ihm ein; die Ratlosigkeit übermannte ihn. Er zuckte die starken, breiten Schultern und starrte finster die bunten Bilder der phantastisch gekleideten Tänzerinnen und der stereotyp lächelnden Komiker an.
„Ja, das ist sehr schlimm!“ sagte Immermann bedächtig, „da ist schwer raten... Ein junger Herr Doktor, nun, das ist eine schrecklich brotlose Arbeit... Das ist doch nichts, wenn man bloß dichten kann, und Lateinisch und Griechisch, und so Kram, was kein Mensch brauchen kann... Ja, wenn Sie irgend etwas Reelles könnten! Komiker, oder Gymnastik, oder Athlet, oder so... Das ist was! Dafür habe ich immer Verwendung! Zum Athleten paßten Sie zum Beispiel brillant, mit Ihrem Wuchs!“
Eberhard lachte ärgerlich, aber Immermann nahm sein Lachen für Zustimmung:
„Was sagen Sie nun? — Nicht, das gefällt Ihnen? Sehen Sie, das ist was Rentableres, als Stücke schreiben! — Dichten kann jeder, aber nicht jeder is ’n Athlet! — Ziehn Sie ’mal Ihren Rock aus und zeigen Sie Ihre Muskeln! — Was wollen Sie eigentlich mehr? Zum Donnerwetter, ja, das nenne ich ’n Biceps! Sie sind wohl ’n heimlicher Ringkämpfer, Sie...?“