Er schrieb ein Drama, und er stürzte sich mit temperamentvollem Eifer auf die Arbeit, als gelte es, das Werk in der allerkürzesten Zeit zu schaffen. Nach einigen Tagen besann er sich, daß sein Werk nicht vor dem Ende des Sommers aufgeführt werden könnte. Nun teilte er die Arbeit ein, schrieb ruhig und planmäßig. Tagelang arbeitete er in Bibliotheken, um seinem Werke das richtige Kolorit und die lebendigen Züge des Zeitalters geben zu können.
War seine Kraft gewachsen? Hatte die Liebe ihn umgewandelt, daß alles, was er schrieb, unter seinen schaffenden Händen feste Formen annahm?
„Besinnen Sie sich auf Ihre Kraft!“ hatte ihm — es war ungefähr ein Jahr her! — ein erfahrener Theaterdirektor gesagt.
In der Zeit, die zwischen damals und heute lag, hatte der ungelenke und zähe Niedersachse sich auf seine ganze Kraft besonnen. Jetzt wurden seine Gedanken präzis und logisch, jetzt rundeten sich seine Sätze zu Fülle und Wohlklang, jetzt blühten kräftige, energische Bilder unter den Händen auf, die starke Gegner mit kühnen Griffen erfaßt und niedergeschleudert hatten.
Ein Bild vor allem war ihm im Gedächtnisse geblieben und hatte seine Gedanken also durchdrungen, daß er es auch in seine Arbeit verwob: das Bild jener Mordnacht bei Aloys Binder. Jetzt, da er still am Tische saß, um sein Werk zu schaffen, trat der Anblick des Ermordeten greifbar aus den Schatten der Erinnerung hervor:
Der Mann, der tot und starr auf dem buhlerischen Lager ruhte und das Mädchen, welches mit schwarzen, entsetzten Augen auf die Leiche stierte — und sich mit gedankenloser Lebenslust schon auf der Treppe wieder dem Lebendigen zuwendete, während der Tote oben allein in dem verschlossenen Zimmer schlief.
Und es stiegen Personen und Ereignisse aus der stolzen Zeit der italienischen Renaissance vor seinem Geiste auf. Welche Zeit war ein einziges Loblied auf die Kraft, wie diese? Wann hatten die Starken so selbstherrlich Gebrauch von ihrer Kraft gemacht, wie die Mächtigen zur Zeit der Borgia und der Colonna?
Die Kraft wollte er verherrlichen, die Starken wollte er preisen, die über Leichen in ihre Freudengemächer eingehen! — Mit Therese besprach er Szene für Szene seines Stückes. Er arbeitete mit Fleiß und Inbrunst. Und als er dieses Mal das letzte Wort schrieb und nach ordentlicher Gewohnheit einen geraden Schlußstrich darunter zog, tat er es ohne Fieber und ohne Wildheit in dem ruhigen Bewußtsein, etwas Tüchtiges vollendet zu haben. —
Die Arbeit hatte ihm kaum Zeit gelassen, an die Unterbringung seines Stückes zu denken. Jetzt, da das Manuskript vollendet vor ihm lag, befiel ihn Schrecken über seine Sorglosigkeit, und sein Mut erschlaffte jählings. Wie? sollte auch dieses Werk nur geschrieben sein, um nach jedem Schritte vorwärts denselben Schritt nach rückwärts zu tun?
Therese war wieder die heitere, ermutigende Trösterin. Des Abends holte er sie vom Bureau ab und beide gingen Arm in Arm nach Hause, wo Mama Ambrosius sie mit dem bürgerlich bestellten Abendbrottische erwartete. Oft fühlte er sich müde, während ihre Augen trotz dem anstrengenden Dienst des ganzen Tages glänzten. Mit ihrer Fröhlichkeit, mit ihrer immer gleich bleibenden Zuversicht gewann sie langsam ein Übergewicht über den Mann, welches er lächelnd anerkannte.