»Miß Northland, gewiß wird sich auch an Ihnen das Dichterwort erfüllen: Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« –
An demselben Abend nach dem Diner war es das erste Mal, daß Anthony seiner Stiefmutter gegenüber die Rede auf die Fremde brachte. Er blätterte dabei in einem Buche und seine gleichgültige Miene zeigte nichts von der Erregung und Unruhe, die in ihm arbeiteten. Ernst und wie beiläufig fragte er:
»Hast Du niemals nach den Familienverhältnissen des Mädchens geforscht, das seit einigen Wochen hier ein- und ausgeht, Mutter?«
»Nein, wieso? Ich denke, sie ist sehr bescheiden und zurückhaltend. Auf mich macht sie einen ausnehmend günstigen Eindruck. Vielleicht bin ich aber bei dieser Meinung beeinflußt durch eine Ähnlichkeit, welche – mich an frühere glückliche Zeiten erinnert. Hast Du, mein Sohn, etwas gegen das Mädchen einzuwenden?«
»Ich – einzuwenden? Allerdings!« Der junge Handelsherr war aufgesprungen und ließ sein schönes, kluges Auge mehrere Sekunden prüfend auf den wohlgebildeten Zügen der älteren Dame haften, dann fuhr er, tief und schwer aufatmend, fort:
»Als ich heute, auf dem Wege zur Bibliothek, zufällig einige Worte mit der jungen Dame (er betonte letzteres Wort ziemlich scharf) wechselte, erfuhr ich, daß sie den Namen »Northland« führt und mit ihrer Mutter aus St. Louis herübergekommen ist. Du hast mir nun früher das große Vertrauen geschenkt, mich in eine mir ziemlich nahe gehende Angelegenheit einzuweihen, und soviel ich mich aus Deinen damaligen Mitteilungen erinnere, ist dieser Name Dir durchaus nicht unbekannt, vorausgesetzt, daß irgendwelche Beziehungen bestehen sollten, zwischen – zwischen ...« Er stockte.
»Northland! O mein Gott, also doch! Ja, diese Ähnlichkeit mit diesem Manne, den ich einst liebte, frappierte mich sofort.« Tief erblaßt hatte Mrs. Clark jenen Ausspruch hervorgestoßen und die Hände dabei aufs Herz gepreßt: »O Anthony, sie, diese arme Kleine, wäre Marys und Northlands Kind? Nein, das kann, das darf ja nicht möglich sein!«
»Dieses Rätsel bald – recht bald zu lösen, soll Dir und mir eine Pflicht sein!« gab der Sohn mit Nachdruck zurück, indem er seinen Arm zärtlich um die Schulter der tief erschütterten Stiefmutter legte. Mit dem Taschentuche vor den Augen weinte diese jetzt leise vor sich hin:
»O, Anthony, das wäre eine grausame Strafe für mich. Wie oft, als ich mich damals voll Empörung mit harten Worten von Mary losgesagt und Northlands Reichtum und Ansehen höher und höher stieg, wie oft habe ich da das Glück dieses Paares beneidet und berufen! Und tief im Herzen grollte ich der einstigen Freundin, weil von rechtswegen der Platz an ihres schönen Gatten Seite mir gebührte, mir, die ihn ebenso, vielleicht noch inniger geliebt. Und auf diese Weise soll ich endlich, endlich wieder von Mary hören! Anthony, ich kann's nicht fassen!«
»Gottes Wege sind unerforschlich,« versetzte der Angeredete sanft.