»Aber, mein Himmel, was sitze ich hier so müßig und lasse die kostbare Zeit verrinnen,« rief Mrs. Clark nun heftig aufspringend. »Mary, meine arme Mary in Not und Elend, während ich in Wohlleben und Überfluß schwelge. Fort, mein Sohn, bringe mich zu ihr! An mein reuiges Herz ziehen will ich die Teure und ihr Kind. O, welch' eine Schmach ist es für mich, daß gerade hier in unserem Hause das arme Mädchen sich so erniedrigen mußte, Anthony!«
»Erniedrigen? O nein, Mutter! Das, was Miß Northland gethan hat, webt einen Glorienschein um ihr edles Haupt,« klang es auffallend feurig aus des jungen Mannes Munde, so daß Mrs. Clark in stummer Überraschung zu dem Stiefsohne aufblickte.
»Willst Du meine Ratschläge befolgen, Mutter?« fragte er nach einer Pause.
»Thue ich das nicht stets, Anthony?«
»Wohlan, so lasse die junge Dame, welche zweifellos die Tochter Deiner Freundin ist, morgen noch einmal – zum letztenmale – hier ihres schweren Amtes walten, nur damit ich ihr dann unbemerkt folgen und Mrs. Northlands Wohnung erforschen kann. Ist das erreicht, so magst Du hingehen und thun, was Dir Pflicht und Herz gebieten. Bist Du damit einverstanden, Mutter?«
Unter Thränen nickte diese ihm zu. –
Anthony Clark vermochte in der darauffolgenden Nacht gar keine Ruhe zu finden. Immer und immer stand das hochherzige Mädchen mit den ernsten, charaktervollen Zügen und den wunderbar schönen Augen vor seinem fieberhaft erregten Geist. Und als gegen Morgen der Schlaf sich endlich auf seine Lider herabsenkte, war es ihm, wie wenn ihr holdes Angesicht, von einer leuchtenden Strahlenkrone umgeben, sich über ihn niederbeugte und die melodische Stimme in sein Ohr flüsterte: »Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« – – –
Ganz seltsam unsicher und befangen hatte Miß Northland am andern Morgen das Clarksche Haus betreten und war viel eiliger als sonst durch die weite Halle der unteren Etage die Treppe hinauf nach dem für ihre Obliegenheiten bestimmten Zimmer geschlüpft. Dort angekommen atmete sie förmlich erleichtert auf, daß ihr niemand begegnet war, weil sie sich nach ihrer Idee in einer krankhaft erregten Gemütsstimmung befand. Zu ihrer Schande mußte sie auch selbst die Wahrnehmung machen, daß ihr die zu verrichtende Arbeit zum erstenmale drückend und peinlich erschien. Wenn Mr. Clark nur nicht etwa wieder bei ihr eintreten und ein Gespräch mit ihr anknüpfen wollte, dachte das junge Mädchen hochklopfenden Herzens – heute würde sie ihm nicht mehr so unbefangen in die klugen Augen blicken und nicht mehr so präcise antworten können! Warum aber fürchtete sie sich davor? Über dieses Warum indessen vermochte sich Grace nicht klar zu werden und schob es auf »ihre krankhaft erregte Gemütsstimmung!« –
Bei ihrem Eintritt in den gewohnten Arbeitsraum stand alles wie sonst am bekannten Platze. Sie zog flink Schürze, Schutzärmel und Handschuhe aus der mitgebrachten Tasche hervor und war eben im Begriff, an die Arbeit zu gehen – da gewahrte sie, dicht neben den Lampen liegend, eine prachtvolle Marschall-Niel-Rose. Was bedeutet das? Beim Anblick der Blüte war Grace dunkle Glut ins Gesicht geschossen und eine tiefe Zornesfalte legte sich über die weiße Stirn. Empörend! Das mußte der unverschämte Nigger, der Butler des Hauses gethan haben, welcher ihr beim Kommen und Gehen stets den Mantel an- und ausziehen half und sie dabei immer so keck anstierte oder seine wulstigen Lippen zu süßlichem Grinsen verzog. Empörend war das! Mit dem Zeigefinger der linken Hand schob sie die zartgelbe Blüte an das entgegengesetzte Ende des großen Tisches; allein eben so schnell ergriff sie dieselbe wieder, sie mit fast wildem Ungestüm an die Brust pressend. Allmächtiger Gott, wäre es denkbar, konnte es möglich sein, daß er – Anthony Clark, dessen Bild sich in ihrer jungen Brust gar fest eingelebt hatte, dessen milde, zum Herzen dringende Stimme ihr noch jetzt durch das Gemüt klang, daß er jene Blume hier auf diesen Tisch gelegt? Ein Zittern überfiel die hohe Mädchengestalt – und wenn er es wirklich gethan, mußte sie es dann nicht eher als Demütigung und Beleidigung ansehen, die er, der reiche, hochgestellte Mann dem armen, schutzlosen Mädchen damit angethan? Durfte sie die Blüte, ohne erröten zu müssen, auch wirklich annehmen? Was würde die Mutter dazu sagen? O gewiß, Anthony Clark war eines unedlen Gedankens nie fähig, das war ja sonnenklar! Mit fliegenden Händen, gewiß das erste Mal weniger gewissenhaft als sonst, verrichtete Grace Northland an diesem verhängnisvollen Morgen ihre Arbeit. Mrs. Clark sei ausgegangen, bedeutete sie der aufwartende Butler, als sie sich zur Dame des Hauses, wie alltäglich, begeben wollte. Wie Grace bei dieser Auskunft voll Beruhigung wahrnahm, verrieten die Züge des Schwarzen heute nur steife Würde und stumme Ehrerbietung. Gott sei Dank, endlich konnte sie dem sie heute so eigentümlich beengenden Hause den Rücken wenden, flink eilte das junge Mädchen in die anderen Häuser, in welchen sie die nämliche Beschäftigung zu verrichten hatte, und wenige Stunden später lief Grace Northland bereits leichtfüßig die Treppenstufen zu dem traulichen Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward hinan.
Hätte sie während des Weges nur ein einziges Mal nach rückwärts geschaut, dann würde sie wohl sicher nicht mehr im Zweifel über den Geber jener Rose gewesen sein.