Die Bewohner von Dolly Ward, zum Teil bejahrte Leute, welche sich nun ins Privatleben zurückgezogen hatten, zum Teil Angestellte großer Geschäfte von Brooklyn und New York, welche ihrer Familie wegen die bei weitem billigeren und gesünderen Wohnungen hier draußen dem Geräusch und dem Staube der Großstadt vorgezogen, und einige alte Fräuleins, welche Pensionäre hatten, bildeten eine förmliche feste Clique, so daß auf Dolly Ward jeder neue Ankömmling anfänglich allseitigem Mißtrauen begegnete.
Im Anfang des Frühlings 188. war Mr. Holstein, der deutsche Eigentümer des Häuschens Nr. 9, plötzlich gestorben und bald darauf hatte seine Witwe den guten Bekannten von rechts und links Lebewohl gesagt, weil sie ihren Aufenthalt fortan nach Jersey City zu einer verheirateten Tochter zu verlegen gedachte. Mr. O'Reilly, der Nachbar zur Rechten, welchem die alte Dame vor ihrem Scheiden die vorteilhafte Vermietung ihres Besitztums noch recht eindringlich ans Herz gelegt hatte, hing eigenhändig die weiße Tafel zum Fenster hinaus, auf welcher mit großen Lettern zu lesen stand: »to let.«
Etwa vier Wochen lang zerbrach man sich in Dolly Ward die Köpfe, wer wohl seinen Weg hier heraus nach dem entlegenen Teile von Williamsbourgk nehmen würde, denn die guten Leute der kleinen Villenkolonie waren äußerst exklusiv und fürchteten begreiflicherweise das Niederlassen des ersten besten Rowdy in ihrer friedlichen Ansiedelung. Da verkündete Mr. O'Reilly eines Morgens einer wißbegierigen Dame, daß des seligen Holsteins Häuschen vermietet worden sei und die neuen Bewohner, in Gestalt von Mutter und Tochter demnächst schon eintreffen würden. Das gab natürlich viel zu reden. Allein auf alle an ihn gerichteten Fragen vermochte Mr. O'Reilly keine weitere Auskunft zu geben, als daß beide Damen respektabel aussähen und gebildet schienen.
Vier Tage später war die kleine Villa von den neuen Bewohnern bezogen. »Wer mag das wohl sein? Weshalb kommen Leute, die solch eine Masse von eleganten Möbeln mit sich führen, hier heraus? Die Geschichte gefällt uns nicht – das hat sicher noch einen Haken!« So flüsterte man sich gegenseitig zu nach dem Eintreffen von Mrs. Northland und ihrer schönen Tochter auf Dolly Ward. Nachdem jedoch zwei und drei Monate ins Land gegangen und die beiden Damen trotz ihrer großen Zurückhaltung bekannter geworden waren, fing man an, sie gerade um ihrer Zurückhaltung und vornehmen Würde willen mit anderen Augen anzusehen, und nun sagten die Nachbarn von rechts und links unter sich: »Feine Leute sind es offenbar, das bezeugt ihr ganzes Auftreten, allein – wovon leben sie?«
Nach amerikanischen Begriffen hat das Wort »Arbeit« die höchste und ehrendste Bedeutung und nur der gilt als angesehen, welcher auf irgendwelche ehrliche Weise durch eigene Arbeit sein Brot erwirbt. Die reichen Leute arbeiten aus angeborener und anerzogener Lust zum Schaffen, die Unbemittelten, um reich zu werden – Müßiggang giebt es in den Vereinigten Staaten nicht und wer sich ihm hingiebt, hat Mißtrauen zu fürchten über die Art, durch die er sich seinen Lebensunterhalt erwirbt. Da nun Mrs. Northland und ihre Tochter, außer einer gelegentlichen Fahrt nach New York, keine besondere Beschäftigung zu haben schienen, so war das selbstverständlich auch ein Grund, sich über die seltsame Lebensweise der beiden Damen aufzuhalten. Dessenungeachtet hatten die Fremden es verstanden, sich bald die Achtung und Teilnahme der Bewohner von Dolly Ward zu erwerben. Wer auch hätte dem freundlich sanften Wesen der Mutter, wer dem bezaubernden Augenaufschlag der Tochter zu widerstehen vermocht? So schroff und absprechend auch anfangs über die beiden Frauen geurteilt worden war, jetzt bemühte sich jeder, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wenn auch ein näherer Verkehr nicht in den Wünschen der Damen zu liegen schien.
Außer Mr. O'Reilly, dem jungen Advokaten, welcher in Goldsmiths Office in Brooklyn arbeitete und hier bei der alten Miß Colnay Pensionär war, außer diesem hatte noch keiner der Bewohner von Dolly Ward Mrs. Northlands Schwelle überschritten, und auch sein Verkehr mit den beiden Damen beschränkte sich nur auf einige geschäftliche Besuche, die O'Reilly der neuen Mieterin als Verwalter des Holsteinschen Grundstücks zu machen hatte. Es schien auch durchaus nicht in deren Absicht zu liegen, mit irgend jemand näher bekannt zu werden. Bei Begegnungen grüßte man untereinander, sprach gelegentlich einige Worte über den Gartenzaun, das war alles.
Im allgemeinen galt Mr. O'Reilly als wortkarger Mann; seit er jedoch die Bekanntschaft der Fremden gemacht, gab es dennoch einen Punkt, der seinen Mund überfließen machte: das war, wenn er von Mrs. Northland und deren Tochter sprach und in Lob und offener Bewunderung über beide sich erging. Durch ihn wußte es auch bald jedermann in Dolly Ward, daß diese Damen eine ganz ungewöhnliche Bildung, sowie die feinsten Umgangsformen besäßen und daß, obwohl Miß Grace Northland alltäglich mit einem Körbchen am Arm die Einkäufe bei Fleischer und Kaufmann selbst machte, die jetzige Einrichtung von Nr. 9 derjenigen einer Lady der V. Avenue von New York gleichgestellt werden konnte.
An einem regnerischen Junitage, um die sechste Abendstunde, trat Miß Grace, eine schlank gewachsene Brünette, mit kühn geschwungenen Augenbrauen und herbgeschlossenem, ausdrucksvollem Munde, dessen Linien sowohl starke Willenskraft wie auch Unerschrockenheit bekundeten, nach einem Ausgange durch die Verandathür in das vordere der beiden Parlours und schaute sich sichtlich befremdet darin um: »M'ma! Mama!«
Keine Antwort erfolgte – das junge Mädchen stellte daher den Regenschirm rasch beiseite und eilte nach dem zweiten, nach der Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salon, welcher von dem ersten nur durch eine schwere, moosgrüne Portiere getrennt war.
»M'a!«