Auch hier zeigte sich niemand. Und doch wußte Grace, daß die Mutter Tag für Tag an dem nach der Straße gelegenen Fenster saß und die Tochter, wenn sie von ihren kurzen Ausgängen heimkehrte, regelmäßig an diesem Plätzchen erwartete. So lange man auf Dolly Ward wohnte, war dies geschehen und heute nun zum erstenmale vermißte sie die teure Gestalt an dem gewohnten Platze.
Ein banges Gefühl beklemmte die Brust des jungen Mädchens. Rasch sprang sie die Treppe zum oberen Stockwerk hinan und öffnete die Thür des gemeinsamen Schlafgemachs – dort saß Mrs. Northland und schien, über ein weißes Papier gebeugt, zu schreiben. Sobald die ältere Dame jedoch der schnell Eintretenden ansichtig wurde, schrak sie leicht zusammen und sagte halb verlegen, die Hand über das vor ihr liegende Schriftstück breitend:
»Wie, schon zurück, mein Kind? Ich habe Dich noch nicht erwartet.«
»Eben das befremdet mich, Mama, was thust Du hier allein?«
Mit diesen erregt gesprochenen Worten eilte Grace auf die Mutter zu und umschlang sie mit fast ungestümer Zärtlichkeit. »M'a, geliebte M'a, Du verbirgst etwas vor mir, Du willst etwas thun, was ich nicht wissen soll. O warum das? Haben wir bisher nicht alle Sorgen und Mühen miteinander geteilt?« Ein wahrhaft rührender Ausdruck lag jetzt über den schönen Zügen der jungen Sprecherin.
»Grace!« Die ältere Dame suchte ein Schluchzen zu bekämpfen, »o Grace, es kann ja so nicht weiter gehen.«
»Es darf nicht, Mama, Du leidest physisch und seelisch darunter, das habe ich Dir schon oft gesagt, und deshalb werde ich Abhilfe schaffen. Ich muß es schon um Deinetwillen thun,« entgegnete das junge Mädchen mit fester Stimme.
»Nein, nein, nur das nicht! Du sollst nicht hingehen in die großen Geschäfte, wo all' die tausend von jungen Mädchen als Verkäuferinnen angestellt und von früh bis spät in jenen Tretmühlen beschäftigt sind – nimmermehr! Mein Stolz würde das nie ertragen lernen. Lasse mir doch diesen Stolz – er ist das einzige, was von allem Glanz und Schimmer der schönen Vergangenheit mir geblieben ist,« schluchzte Mrs. Northland unter heißen Thränen.
»Es giebt aber doch auch noch andere Wege, uns einen genügenden Unterhalt zu verdienen,« gab Grace unbeirrt zurück.
»Du meinst als Lehrerin, mein Kind! Gewiß – diese Damen werden gut bezahlt, allein, ob wir auch an Deine Erziehung viel gewendet haben, so bist Du für diesen Beruf doch noch nicht ausgebildet genug und müßtest noch einmal mit Deinem Studium von vorn beginnen, was einige Jahre beanspruchen – nein, mein Kind, auch das will ich nicht. Welchen Demütigungen und Versuchungen wärest Du in einer solchen Stellung ausgesetzt!« fügte Mrs. Northland hinzu, ihre Wange zärtlich an die der Tochter schmiegend.