»Aber, was willst Du denn thun, Herzens-Mama, hast Du denn einen anderen Plan?« fragte das junge Mädchen eindringlich, indem sie das mit Zahlen bedeckte Papier auf dem Tische prüfend musterte.

Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten, dann kam es zagend über der Mutter Lippen: »Ich glaube, daß unsere Einrichtung, das bißchen Silber dazu genommen, noch ein recht leidliches Sümmchen repräsentiert. Nach meiner Zusammenstellung des Ganzen ergiebt sich – schlecht gerechnet – ein Ertrag von 2300 Dollars. Damit könnte ich vielleicht – irgend ein – bescheidenes Geschäft beginnen, das uns wenigstens vor Not schützte. Niemand kennt uns in New York – wer ahnt in mir die Witwe des Millionärs und Eisenbahnkönigs Frederik A. Northland aus St. Louis, dessen Name ehedem im Westen einen solch' bedeutungsvollen Klang gehabt?! Nicht Du, mein Liebling, sondern ich muß mich aufraffen aus dieser lähmenden Apathie und für unsere Zukunft sorgen!«

»Nein, um Gotteswillen, nein, wenn Du mich liebst, Mama, so schweige von solchen Dingen,« rief Grace fast leidenschaftlich, »Du, die schöne, vornehme Frau Dich erniedrigen, hinter dem Ladentische zu stehen – entsetzlich! Du Dich von Deinen lieben Sachen trennen, wo jedes Stück Dich an das frühere Glück und den teuren Vater erinnert! Das undankbarste Geschöpf unter der Sonne müßte ich sein, wollte ich das zulassen. Wozu bin ich jung und kräftig. Nein, Mama, daraus wird absolut nichts!« Jetzt hatte das junge Mädchen sich zur vollen Höhe emporgerichtet, wobei ein Ausdruck von Energie und Mut aus den schönen Augen leuchtete.

»O Gott, daß es dahin kommen mußte! Wenn er, Dein Vater, noch lebte, es stünde besser mit uns, und wie gern wollte ich auch Not und Sorgen mit ihm teilen!« weinte leise die beklagenswerte Frau.

»Der Himmel hat ihm dieses Schwerste erspart, das muß uns trösten, M'a,« sagte die Tochter weich.

»Als wir hier ankamen, Grace, glaubten wir uns beinahe reich mit der kleinen Summe, die wir mitbrachten – nun ist sie fast ganz zusammen geschmolzen! Ich habe nie gedacht, daß die täglichen Bedürfnisse des Lebens soviel Geld verschlingen könnten. Dabei steht der Quartalswechsel vor der Thür und die Miete soll an Mr. O'Reilly bezahlt werden. – Ach, ich werde ihn wohl bitten müssen, uns den Betrag für einige Wochen zu stunden.«

»Nimmermehr, Mama! Nur keine Gefälligkeit von diesem Manne, es wäre mir schrecklich – erdrückend!« wehrte Grace mit auffälliger Hast ab. Prüfend schaute ihr die Mutter ins Gesicht und sagte bedeutsam:

»Er ist kein übler Mann. Seine Manieren sind tadellos und neben einem guten Einkommen scheint er ein redliches gutes Herz zu besitzen. Nicht ohne Grund sucht er uns verlassenen Frauen öfters auf – hast Du daran schon gedacht, mein Kind?«

»Er ist mir unsympathisch, Mama! Bitte, erwähne seiner gegen mich nie mehr in dieser Weise, ich könnte Mr. O'Reilly sonst nicht mehr unbefangen und freundlich begegnen,« gab Grace unwillig und in ernstem Tone zurück. Mrs. Northland seufzte und schwieg, worauf beide Damen langsam nach der unteren Etage hinabstiegen.

Da die Dämmerung eingetreten war, so brachte das junge Mädchen die Lampe, welche sie alsbald mit großer Geschicklichkeit in Brand setzte. Ein intensives Licht beleuchtete jetzt das mit feinem Geschmack ausgestattete Gemach, so daß jeder Gegenstand darin erkennbar war. Die Mutter, welche mit sichtlichem Vergnügen den flinken Bewegungen der auffallend schönen Hände ihres Kindes zugeschaut hatte, sagte plötzlich lächelnd: