»Wie Du doch diese wenig anmutende Arbeit verstehst und graziös verrichtest, mein Liebling! Ich habe niemals, auch in jener Zeit, als viele Diener mir zur Verfügung standen, solche hell und klar brennende Lampe gehabt, wie jetzt, wo mein teueres Töchterchen sich dieser Mühe eigenhändigst unterzieht!«
»Ich bin auch stolz darauf, Mama, weil ich mir sage: Arbeit schändet nicht,« versetzte Grace heiter.
»Nein, gewiß nicht, aber, ganz abgesehen von Deiner Opferwilligkeit, Du hast wirklich ein großes Talent dafür.«
Bei diesen harmlosen Worten hob das schöne Mädchen die langen, dunklen Wimpern und sah der Sprecherin einige Sekunden starr und nachdenklich ins Gesicht. Eine schärfere Beobachterin, als Mrs. Northland war, würde wahrgenommen haben, daß es zugleich wie ein blitzartiges Aufleuchten über die regelmäßigen Züge glitt.
Als nach einer halben Stunde die Damen am Theetisch saßen, der in seinem zierlichen Arrangement von gutem Porzellan und einigen wertvollen Stücken Silbergerät nur zu deutlich verriet, daß die Dasitzenden einst bessere Tage gesehen, erschien Grace merklich einsilbig und zerstreut. Abermals seufzte die Mutter still für sich und beobachtete mit Wehmut und Trauer, aber verstohlen des einzigen Kindes liebes Angesicht.
Am nächsten Morgen fuhr Grace, kleine Einkäufe vorschützend, hinüber nach New York. Pünktlich nach drei Stunden, wie sie es versprochen, kehrte sie auch zurück, doch konnte das junge Mädchen es jetzt nicht unterlassen, der Mutter eine Mitteilung zu machen. Halb verlegen, halb freudig schlüpfte die geheimnisvolle Enthüllung über die rosigen Lippen, daß sie Hoffnung hege, vielleicht einen kleinen Verdienst zu bekommen.
Aufs höchste erschreckt, starrte Mrs. Northland der Erzählerin ins Gesicht, indem sie darauf noch einmal alles schon unzählig oft Gesagte wiederholte und das junge Mädchen himmelhoch beschwor, sich nicht als Ladenmädchen zu verdingen. Aber Grace beruhigte die erregte Frau insofern, daß diese Aussicht auf einen Erwerb bisher nur in einer Annonce bestände, die sie in den »Herald« habe einrücken lassen und worüber sie die Mutter aufklären wolle, sobald man darauf geantwortet haben würde. Unter einer Chiffre habe sie Briefe, Hauptpostamt restante New York erbeten. Der flehende und zugleich so mädchenhafte reine Ausdruck in Graces Augen bekämpfte die im Herzen der bekümmerten Frau aufsteigenden Zweifel und damit war diese Sache fürs erste abgethan. –
Im Speisesaale eines hocheleganten Privathauses der V. Avenue in New York befanden sich eine ältere, aber noch immer sehr wohl konservierte Dame, welche, den »Herald« in der Hand, am Fenster saß, und ein junger auffallend hübscher Mann von vielleicht neunundzwanzig Jahren, der sich mit seinem Frühstück beschäftigte.
»Welch' seltsame Annonce! Bitte, höre mir einmal zu, Anthony, Hahaha!«