»Ja, sofort, Mutter! Erlaube nur, daß ich noch dieses halbe Ei verzehre, dann stehe ich zu Deinen Diensten.«
»Das ist wirklich originell, hahaha!« – Abermals tönte das helle Lachen nach dem Sprechenden hinüber.
»So, nun, was ist denn da so spaßig, Mutter.«
Der Gerufene war jetzt näher getreten und zog sich einen Stuhl dicht an die Seite der stattlichen Frau. Diese las:
»Eine sehr respektable junge Dame aus guter Familie, welche, durch mißliche Verhältnisse gezwungen, sich einen eigenen Broterwerb zu verschaffen genötigt ist, bietet in nur feinen Häusern ihre Dienste an, um das von den Domestiken in der Regel vernachlässigte Geschäft des Putzens, Reinigens und Versorgens der Lampen zu übernehmen und bestmöglichst auszuführen. Dieselbe besitzt in dieser Branche eine seltene Fertigkeit und Übung und wird ihre Kunden sicherlich zufriedenstellen. Auf Wunsch Referenzen. Briefe erbeten: Head-Postoffice restante Nr. 600.«
»In der That höchst sonderbar,« äußerte der mit Anthony Angeredete kopfschüttelnd, mehr ernst als scherzend, »entweder ist das nur ein schlechter Spaß oder – was mir wahrscheinlicher dünkt – ein Notschrei aus der Brust einer armen Frau.« Er nahm die Zeitung in die Hand und ließ die Blicke über die vielen kleinen Annoncen gleiten, ehe er fort fuhr: »Ich bin überzeugt, daß fast jede dieser Zeilen einen Roman zu verzeichnen hat. Dafür lebt man eben in der Riesenstadt New York. Wohl demjenigen, dem es einmal vergönnt ist, einen Blick in solch' verborgenes Leid zu thun, der in die Lage versetzt wird, heimlich geweinte Thränen trocknen zu können!«
»Du bist ein Schwärmer, Anthony. Diesen weichen, menschenfreundlichen Sinn und das poetische Gemüt muß Dir Deine deutsche Mutter vererbt haben. Dein Vater besaß hiervon nichts,« versetzte die stattliche Dame mit einem leichten Seufzer, indem sie das edel geformte Antlitz des Stiefsohnes wohlgefällig betrachtete. »Was meinst Du, Anthony, ob ich diese Annonce beantworte? Man könnte ja dann sofort erfahren, inwieweit Deine Vermutungen zutreffend sind oder nicht.«
»Thue das, Mutter; es würde mich herzlich freuen, wenn Du ein gutes Werk damit zu stiften im stande wärest,« sagte der junge Mann lebhaft, und die Dame fuhr angeregt fort:
»Übrigens könnte wirklich eine kunstgeübte Hand unseren Lampen samt und sonders nicht schaden, da der alte, schwachköpfige Jim sein Geschäft zuweilen arg vernachlässigt. Fast täglich habe ich Klage über ihn zu führen – wohlan, ich schreibe, Anthony.«
Als der junge Handelsherr Mr. Anthony E. Clark gegen die elfte Vormittagsstunde nach seiner in der unteren Stadt gelegenen Office fuhr, hatte er selbst den Brief der Stiefmutter zur Beförderung in der Tasche. Als dies geschehen, war aber bei ihm auch die Annonce und das darauf bezügliche Gespräch vergessen. –