Der nächste Morgen führte den jungen Mann indessen nach der in einem Seitenflügel seines großen Hauses gelegenen Bibliothek, um ein für sein Geschäft wichtiges Werk daraus zu entnehmen. Beim Durchschreiten eines in den Garten mündenden Zimmers, welches von seiner Stiefmutter zur Aufbewahrung des häuslichen Wäscheschatzes benutzt wurde und mächtige Schränke und Truhen aufwies, stutzte Mr. Anthony überrascht. Dort an einem großen Tische am Fenster, auf welchem eine förmliche Batterie von Lampen aufgestellt war, stand ein hochgewachsenes Mädchen und schien in ihre prosaische Beschäftigung so vertieft zu sein, daß sie den Eintritt des jungen Mannes gar nicht wahrgenommen hatte.
Wohl drei Minuten betrachtete dieser das trotz seiner Originalität höchst anmutige Bild. Durch die halb zugezogene Gardine fiel ein Strahl der goldenen Morgensonne gerade über den dunkeln Scheitel des feinen, etwas vorgebeugten Kopfes und ließ ein wahrhaft holdseliges Profil erblicken, das gegen den hellen Hintergrund wie gemeißelt erschien. Die ebenmäßige Figur zeigte auffallend schöne Formen, wie auch der Schnitt des Kleides unleugbare Eleganz bewies. Anthony Clark zögerte noch immer, weiterzuschreiten, weil er darauf wartete, daß die junge Unbekannte vielleicht einmal die tief auf die Arbeit gesenkten Augen heben würde, aber vergebens. Nun trafen seine prüfenden Blicke die rührigen Finger – wie sonderbar! Ein Paar waschlederne Handschuh bedeckten die Hände bis zum Gelenk, hieran schlossen sich eine Art Schutzärmel aus grauem Futterstoff, die bis über den Ellenbogen hinaufreichten; ein kleines, weißes Schürzchen vervollkommnete diese seltsame Toilette.
Das also war die junge Dame aus guter Familie, welche ihr Brot zu erwerben genötigt war? Er hatte mit seinen Vermutungen demnach doch recht gehabt. »Eine Dame, hm!« Im Augenblick dachte er gar nicht mehr an seine Absicht, jenes Buch zu holen, sondern beschäftigte sich mit dem Gedanken, daß diese Bezeichnung hier in der That höchst gerechtfertigt erschien, wobei ein merkwürdiges Gefühl, halb Befriedigung, halb Freude sein Inneres bewegte: »Wie glücklich mochte das arme Mädchen sein, etwas Beschäftigung – und hoffentlich auch recht lohnende – gefunden zu haben!« –
Gleichsam instinktiv, als ob es die Nähe eines Fremden ahne, schlug das schöne Mädchen jetzt die Augen empor und trat, merklich erschrocken, zurück, während ein heißes, verräterisches Rot sich über Antlitz und Hals ergoß. Mr. Anthony Clark wußte nichts anderes zu thun, als leicht zu grüßen und rasch nach der Bibliothek hinüberzuschreiten, von wo aus er dann seinen Rückweg durch einen anderen Teil des Hauses nahm.
Etwa vier Wochen mochten vergangen sein, während welcher die junge Fremde alltäglich um die zehnte Morgenstunde bei Mrs. Clark erschien, um sämtliche im Haushalt gebrauchten Lampen in Ordnung und Stand zu setzen. Nach Vereinbarung wurde ihr regelmäßig durch die Lady selbst ein Dollar für ihre Arbeit verabreicht, den sie auch mit ruhiger Würde, man hätte fast sagen können, mit vornehmer Herablassung entgegennahm, als ob sie selbst dem Hause einen großen Dienst geleistet hätte und nicht die Empfängerin eines unverhältnismäßig hohen Arbeitslohnes sei. Mrs. Clark, eine obwohl stolze, doch zugleich äußerst gutherzige Frau, hatte das junge Mädchen, dessen schönes Antlitz sie oft nachdenklich musterte, gelegentlich auch einmal gefragt, ob es auf die im »Herald« erlassene Annonce noch mehr Arbeit und Verdienst erhalten habe, worauf ihr die in kühlem Tone gegebene Antwort wurde, daß sie bereits fünfzehn der feinsten Familien New Yorks zu ihren Kunden zähle und mit der Zeit noch bekannter zu werden hoffe.
Mr. Anthony Clark, ein Mann von durchaus ehrenhaften, edlen Gesinnungen, hatte es nicht mehr gewagt, die Unbekannte bei ihrer mehr oder weniger demütigenden Beschäftigung durch seine Gegenwart zu belästigen, und mied das Zimmer, in welchem sie ihre Arbeit stets pflichttreu verrichtete. Allein der Zufall wollte es, daß er ihr öfters in der großen Halle oder auf der Treppe begegnete. Alsdann lüftete er jedesmal in ausgesuchtester Höflichkeit den Hut, wobei er es jedoch nicht unterlassen konnte, einen raschen Blick in das reizende, stets so ernste Mädchengesicht zu thun.
»Nun, freust Du Dich nicht über meine Acquisition, Anthony?« fragte Mrs. Clark eines Abends, als man einige Freunde zum Diner erwartete und nun bei den prächtig und tadellos brennenden Lampen saß.
»Die Freude ist eine problematische, Mutter,« lautete die freundliche, aber bestimmte Antwort des Stiefsohnes, »die blendende Helligkeit all' dieser Lampen bildet einen grellen Kontrast zu dem dunklen Lebenswege des armen Mädchens, dem wir zu Dank verpflichtet sind.«
Die Hausfrau zuckte halb bedauernd die Schultern und meinte gutmütig, daß man der Fremden zu Neujahr ein recht anständiges Geschenk zu machen verpflichtet wäre. –
Eines Morgens, bevor Mr. Anthony wie gewöhnlich nach seiner Office fuhr, trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal in des Stiefsohnes Privatzimmer und sagte in mütterlich herzlicher Weise: »Bitte, thue mir den großen Gefallen, Anthony und trage die Bücher, welche ich mir gestern Abend aus der Bibliothek holte, wieder an den alten Platz. Du weißt, ich liebe die Ordnung – sie liegen auf meinem Schreibtisch.«