Hast Du zufällig jemals die Physiognomie eines Menschen beobachtet, der in heiterster Stimmung und anregendster Unterhaltung begriffen, sich niedersetzen will, den aber irgend eine Schicksalstücke des vermeintlich hinter ihm stehenden Stuhles beraubt hat. Todesschreck, innere Wut, lächerliche Hilflosigkeit, ja jammervolle Stupidität – das alles prägt sich stets in den Zügen solch' eines Beklagenswerten aus.

Mir ist gestern Abend Ähnliches passiert, das heißt: etwas passiert, was mich veranlaßte, den Gesichtsausdruck eines dummen Jungen anzunehmen. Nicht etwa, daß ich mit meinem ganzen physischen Körpergewicht auf die Erde geplumpst wäre, nein, amico, moralisch habe ich einen Purzelbaum gemacht, der wirksam genug sein könnte, selbst den überspanntesten Phantasten und Idealisten in die rauhe Wirklichkeit zurückzuführen. Ich knirsche – ich tobe in machtlosem Grimme, dabei aber befällt mich auch wieder ein wahrer Lachkrampf, wenn eine Stimme – ich glaube, es ist das bessere Ich in meiner Brust – mir zuraunt: »Reingefallen, Gilbert, gründlich reingefallen!«

Zurückgekehrt von einem Besuche bei Agnes, wo sie mir beim Abschiede, als wir zufällig allein im Zimmer waren, mit holdem Erröten versicherte, demnächst bald heimzukommen, finde ich endlich die langersehnte Antwort aus Wiesbaden vor. Welch' ein Dank, welch' ein Brief! Doch zu meiner Überraschung zeigt die Marke den Poststempel: Berlin. Frau v. Baranow teilte mir als Postskriptum mit, sie sei im Kaiserhofe abgestiegen und erwarte am nächsten Tage meinen Besuch. Wie damals auf dem Maskenballe fühlte ich jenes aus Entzücken und Leidenschaft gemischte Gefühl meine Adern durchrieseln. Bombenfest stand es in mir, die verführerische Frau morgen aufzusuchen. Allein auf welche Weise sollte ich mir die langen Stunden bis dahin verkürzen? Mit Eifer studierte ich den Vergnügungsanzeiger Berlins und verfiel schließlich auf das »Deutsche Theater«.

Gesagt – gethan. Zwar war der Andrang an der Kasse desselben groß. Doch bald hielt ich ein glücklich erobertes Parkett-Billet in den Händen: Dritte Sitzreihe, Platz Nr. 35. Herrlich fürwahr! Ich bin ganz befriedigt und befinde mich in äußerst animierter Stimmung. Da es übrigens noch ziemlich früh war, so mache ich noch eine kleine Wanderung durch die Straßen, weil ich es hasse, vor Beginn der Komödie meine ohnedies nicht sehr guten Nerven durch das entsetzliche Bänkeklappen und Thürenwerfen in unnötigen Aufruhr versetzen zu lassen. Als ich das Theater betrat, war der Vorhang bereits aufgezogen und das Stück hatte begonnen. Meine Nr. 35 war glücklicherweise ein Eckplatz.

Nachdem ich in größter Gemütsruhe das Opernglas blank geputzt, schaue ich nach der Bühne. Da schlagen die Laute einer mich wie mit elektrischem Schlage berührenden Stimme aus nächster Nähe an mein Ohr. Herr des Himmels! Das konnte niemand anders – das mußte Susanna – Madame de Baranow sein, die hier in dem so reinen, so fließend und melodisch klingenden Französisch eben gesprochen! Gleich einem Achtzehnjährigen – beinahe zum Zerspringen klopfte nun mein Herz, und ich lausche atemlos. Wo – wo war – wo saß das entzückende Geschöpf, das allein schon durch Organ und Grazie mich bestrickte? Sollte es mir jetzt – von diesem still verborgenen Platze aus – vergönnt sein, das im Traume schon tausendmal mir vor die Sinne gezauberte, holde Angesicht zu schauen? Welche Seligkeit, die schöne Frau, ohne daß sie meine Gegenwart ahnte, beobachten zu können! Soviel ich indes mein Gehör auch anstrenge, diese wohllautende Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen.

Prüfend, aber möglichst vorsichtig, überschaute ich die nächste Umgebung, die größtenteils aus Herren und einigen schlichten Matronen bestand. Nur links von mir – in der ersten Reihe, sah ich die wohlfrisierten Köpfe zweier eleganten Damen auftauchen. Sollte das ...? Meine Brust wogte so heftig auf und nieder, daß ich, um mich nicht bemerklich zu machen, oder aufzufallen, den Atem dämpfen mußte. O Gott! Sollte sie es wirklich sein? Schien das nicht das nämliche goldige Lockengeringel im Nacken zu sein, wie es mir viele Stunden lang auf jenem Maskenballe vor Augen geschwebt? Damals freilich wurde das herrliche Blond des Vorderhaares von der scheußlichen Maske neidisch verhüllt. Ja gewiß! Diese und keine andere mußte bella Susanna sein!

Allein so viel ich mich auch drehte und wendete, von ihren Augen vermochte ich nichts zu erspähen; immer blieben nur die nach aufwärts gekämmten blonden Haarsträhne des Hinterhauptes sichtbar. – Da – noch während ich dies niederschreibe – lähmt ein krampfartiges Gefühl die Muskeln meiner Rechten – da taucht plötzlich in der Hand der blonden Dame ein Fächer – ein ausgebreiteter Fächer auf. Mein Herzschlag stockt; denn mit glühenden Blicken erspähe ich darauf – das eigenhändig gemalte Bild! Sie ist's! So juble ich vor stummem Entzücken und verkrieche mich förmlich hinter den breiten Rücken eines behäbigen Berliner Rentiers, um recht ungestört nach der Angebeteten hinüberschauen zu können. Einmal – hoffte ich – würde sie doch wohl den Kopf nach mir herumwenden. Ein unglücklicher oder vielmehr glücklicher Zufall kam mir zur Hilfe. Noch war der erste Akt nicht zu Ende gespielt, da ließ eine Dame in der zweiten Sitzreihe ihr Opernglas mit ziemlichem Geräusch zur Erde fallen. Natürlich wendeten sich sofort eine Anzahl höchst indignierter Gesichter nach der Ruhestörerin um, la bella Susanna ebenfalls. Allmächtiger Gott! Sind denn meine Augen getrübt, – bin ich verrückt oder treibt der Satan sein Spiel mit mir? Keuchend stößt mein Atem aus der Brust, so daß der gemütliche Rentier neben mir wohl gedacht haben mochte, ein Mensch im letzten Stadium der Lungenschwindsucht befinde sich in seiner Nähe. Einerlei – ja, was geht mich die ganze Welt an! Wie gelähmt starre ich in das als engelhaft schön erträumte Antlitz von Madame de Baranow. Wut und Abscheu krampfen mir das Herz zusammen. Das also ist die vermeintliche Beauté, um deren Figur und Grazie selbst Juno vor Neid geborsten wäre? O pfui! Welch' ein tückisches Spiel, welche Grausamkeit der Natur! Ein pockennarbig gelbes Gesicht mit wulstigen Negerlippen, in welchem eine niedrige Stirn und kleine geschlitzte Tartarenaugen den fatalen Gesamteindruck noch erhöhen, zeigt sich meinen getrübten Blicken. Doch wie ist mir denn! Plötzlich taucht in meinem wilderregten Geiste auch eine Erinnerung auf. Diese widrigen Züge kenne ich ja; der cynisch-frivole Ausdruck derselben war mir durchaus nicht fremd?

Heiliger Brahma! Gleich einem zündenden Funken fiel es in das Gedächtnis Deines armen Freundes. Lieber Karl! Entsetze Dich nicht! Denn – die häßliche, uns allen von Rom her nur zu wohlbekannte Paula Uschakow war es, welche schon damals gerade mich mit ihrer Affenliebe immer verfolgt und gepeinigt hat. Und ich Narr, – ich Esel, – bin hier so einfältig auf den Leim gegangen! Meine Empörung kannte keine Grenzen; alles wurde mir mit einem Schlage klar. Du, mein Freund, mußt es ja noch wissen, daß Paula, nachdem sie vergeblich darnach getrachtet, durch ihr nicht unbedeutendes Talent unter den deutschen Künstlern sich einen Mann zu erobern, schließlich einen alten, sehr reichen Russen geheiratet haben soll. Und jetzt muß das abscheuliche Weib mir solch' einen Streich aufspielen! Wirklich schändlich – empörend! Ist es nicht wahrhaft jammervoll, daß mein reizendes, poetisches, alle zarten Empfindungen der Menschenbrust versinnbildlichendes Fächerbild in solche Hände geraten! Dabei aber tönen, als ob ein guter Geist sie gesprochen, Agnes' Worte sogleich in mein Ohr: »O, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« Nein, ihr, diesem reinen, unschuldsvollen Kinde habe ich wirklich noch nie eine derartige Freude gemacht, habe sie ja kaum beachtet, während ich drei Monate meiner kostbaren Zeit nur an diese Kokette gedacht. Vor Wut zitternd ballte ich heimlich die Faust nach den Damen in der ersten Sitzreihe hin, drückte dann den Hut so tief wie möglich in die Stirn und verließ eilends das Theater. Erst auf der Straße atmete ich ein wenig freier auf. Da es kaum halb neun Uhr war, so fand ich unter den Linden noch einige elegante Läden geöffnet. In dem ersten besten Galanterie-Bazar, wo ich hineinstürme, verlange ich einen kostbaren, aber unbemalten Fächer.

»Schwarz?« fragt schüchtern die Verkäuferin mit ängstlichem Blicke in mein erhitztes Angesicht. Sie mochte wohl gedacht haben, ich sei angetrunken.

»Nein, rot – feuerrot!« entgegnete ich diktatorisch und hielt schon nach zwei Momenten ein wahrhaft entzückendes Exemplar in den Händen. Die geforderten vierzig Mark erschienen mir eine Lappalie. Ich hätte fünfhundert Mark gezahlt, wenn sie verlangt worden wären, ohne eine Miene zu verziehen. Darauf warf ich mich in eine Droschke und ließ mich schnurstracks nach Hause fahren. Totenstill – öde und einsam dünkte mir in diesem Momente mein sonst so behagliches Heim.