»Mein Herr! Mit welchem Rechte wagen Sie, eine solche Sprache gegen mich zu führen?« kam es leise, jedoch zornig aus dem zuckenden Munde.
»Mit dem Rechte aufrichtiger, warmer Freundschaftsgefühle, Mrs. Newland!« gab ich völlig unbeirrt zurück und faßte nun auch rückhaltlos nach ihrer Rechten.
»Freund–schaft?« wiederholten ihre Lippen zögernd in halb ungläubigem Trotze. Dünkte es mir doch, als ob es dabei gleich nie geahntem – nie gekanntem Glücke in den schönen Augen aufflammte. Aber sie entzog mir die kleinen Finger dennoch und setzte rasch und herb hinzu:
»Ich danke, Sir, wir – ich brauche die so edelmütig gebotene Freundschaft eines – Fremden nicht, da ja auch gar kein Grund vorliegt, sich mitleidig unserer anzunehmen, nein, wirklich absolut nicht!«
»So?« Fest und durchdringend heftete ich meine Blicke auf das bleiche Gesichtchen. »Wissen Sie, Mrs. Maud Newland, daß Sie in diesem Moment eine Lüge aussprechen? Wohlan! Mir kann das ja einerlei sein. Aber ich erinnere Sie nur daran, daß dort oben über uns Einer lebt, dem wir Rechenschaft zu geben haben von unseren Worten und Werken, und daß auch für Sie eine Zeit kommen kann, wo Sie dieser Hilfe benötigt wären!« Schwer und keuchend kamen die Atemzüge aus der jungen Brust. »Wenn man in demütigem Sinne diesem Einen seine Sorgen und Lasten anempfiehlt, dann erscheint das Schwerste wirklich nicht so schwer!« fuhr ich eindringlicher fort.
Jetzt schluchzte sie auf und bedeckte das Antlitz mit den Händen.
»O, warum sprechen Sie so zu mir! O, wie lange – lange, – fast seit meinen Mädchentagen ist es her, daß jemand gegen mich den Namen Gottes genannt hat! Und doch habe auch ich einst, ehe ich Franks Gattin wurde, oftmals so innig und warm zu ihm gebetet! Stehen denn plötzlich alle süßen Erinnerungen an die Kindheit auf – an meine heimgegangenen Eltern – an jene Zeit, wo noch alles anders war?« fügte sie, die Wangen von Thränen überströmt, nun träumerisch ins Leere starrend, hinzu. »Wer sind Sie, Sir, daß Sie es verstehen, solche Saiten in meinem Innern zu berühren? Gehen Sie – o gehen Sie! Ich bin Ihrer Teilnahme und Güte nicht wert, – habe ja kein Anrecht an die Barmherzigkeit und Milde Gottes! Denn ...«
Sie stockte plötzlich und wollte an mir vorüber zur Thür hinaus. Doch energisch vertrat ich ihr den Ausweg.
»Nicht allein dürfen Sie hinaus, Mrs. Newland! Gerade um der schmerzlichen Erinnerungen willen an das glückliche Einst bitte ich Sie, mich jetzt sofort zu Ihrem Gatten zu führen und mir eine kurze Unterredung mit ihm zu gestatten. Widersetzen Sie sich dem nicht! Denn es ist zu Ihrem Wohl – Ihrer Rettung – ich weiß alles!«
Tödlich erschreckt fuhr die Fassungslose zurück.