»Was – was wissen Sie?«
»Daß Frank ein armer Bethörter – ein Unglücklicher ist und schwer unter dem Drucke eines tyrannischen Weibes, das sich leider seine Mutter nennt, duldet und darüber zugrunde geht!« flüsterte ich ihr entschlossen ins Ohr. »Aber, beim Allmächtigen, der mein Vorhaben begünstigt, schwöre ich, daß wir über diese Megäre, die auch Sie im tiefsten Innern verachten, siegen werden, und ich Ihnen Freiheit, Glück und Sicherheit zurückzugeben vermag! Nur folgen Sie mir und fügen Sie sich bedingungslos meiner Weisung!«
»Mein Himmel! Träume ich denn? Giebt es in dieser jämmerlichen Welt wirklich noch etwas, was Hoffnung und Glaube an der Menschheit heißt?« rang es sich zitternd über die bebenden Lippen der jungen Frau. »Darf ich Ihnen – dem Fremden – wahrhaft trauen? Sind Sie nicht auch etwa ein Mensch, wie jener, der unlängst hier war, – ein solcher, der kein Erbarmen und keine Rücksicht kennt?«
»Mrs. Maud Newland! Ich dächte doch, daß Sie von der Aufrichtigkeit meiner Freundschaft überzeugt sein sollten!« entgegnete ich fast vorwurfsvoll und weich.
»Freundschaft!« schrie sie darauf in wilder Erregung, so daß ich über den grellen Ton ihrer Stimme beinahe erschrak. »O, welch ein Zauber liegt in diesem einen Wort! Kommen Sie, ja kommen Sie rasch hinauf zu meinem armen, geliebten, unseligen Gatten! Er wird – er muß Ihnen folgen!« Und ungestüm zog das liebliche Geschöpf mich mit sich fort.
Kaum konnte die Stunde zu einem ungestörten Gespräch mit dem jungen Einsiedler dort oben in seinem stillen Zimmer günstiger gewählt sein. Denn erst vor einer Weile hatte ich die alte Newland nebst Tochter und Schwiegersohn das Haus verlassen sehen. Überdies gestand meine Begleiterin mir jetzt in merkwürdig rührender Vertraulichkeit, daß ihre Verwandten einen kleinen Ausflug nach Coney Island unternommen und vor spätem Abend kaum zurückerwartet werden dürften. Man habe zwar ausdrücklich gewünscht, daß sie selbst an der Partie teilnehmen sollte; doch hätte sie das, um Frank nicht allein zu lassen, auf das entschiedenste abgelehnt.
Unter dergleichen leise geführten Reden erreichten wir das erste Stockwerk, doch machte die junge Frau vor dem verhängnisvollen Gemache noch einmal Halt und holte, gleichsam um Mut zu schöpfen, tief Atem. Ach, hätte ich der Ärmsten die Viertelstunde doch ersparen können! Nach kurzem Zögern öffnete Mrs. Newland mit raschem Entschluß die Thür und schritt mir ins Zimmer voran.
Das Erste, was mir beim Eintreten sofort ins Auge fiel, war wieder jener eisenbeschlagene Monstre-Koffer, dessen Begegnung mir schon einmal zu denken gegeben und dessen Anblick nun aufs neue die ganze gefährliche Tragweite, ebenso aber auch die Notwendigkeit dieses Schrittes klarlegte. Die Fenster des Gemaches gingen gegen Westen, so daß die noch hellen Strahlen der Abendsonne es bis in seine tiefsten Winkel beleuchteten.
Mr. Frank Newland schien jedoch unseren Besuch gar nicht zu merken. Denn mit aufgehobenem rechten Arme, ein Pistol in der Hand haltend, zielte er soeben nach einer an der Wand der Langseite befestigten Scheibe, deren durchlöchertes Feld mir zur Genüge zeigte, wie und durch welches Vergnügen der junge Mann seine Mußestunden sich verkürzte. Wieder gewahrte ich in seinem schönen Gesichte den finsteren Schmerzensausdruck und konnte in diesem Momente mich wirklich des Gedankens nicht erwehren, ob der, wie ich ja wußte, so verzweifelt und vergeblich an seinen Fesseln Rüttelnde nicht vielleicht dort, wo sich die weiße Papierscheibe befand, die Häupter seiner Peiniger oder mutmaßlichen Verfolger im Geiste zu schauen wähnte.
»Frank! Ich wollte – ich möchte so gern, daß Du – diesem Herrn hier, Mr. Berken, für einige Minuten Gehör schenktest!« rief jetzt, das lange Schweigen unterbrechend, meine Begleiterin ihrem Gatten bittend und zärtlich zu, während sie nach ihm hinüberflog und die Arme um seine Schultern schlang.