Ich erinnere mich, daß ich in jener Nacht nicht viel geschlafen habe und erst wieder frei und beruhigt aufzuatmen begann, als mir am nächsten Morgen ein Telegramm überreicht wurde mit dem kurzen, aber für mich bedeutungsvollen Inhalt: »Glücklich Montreal angelangt, Wilson.« Mit seelischem Behagen kleidete ich mich an und mußte wirklich lachen, welch ein von Bosheit und Schadenfreude blitzendes Gesicht mir heute aus dem Spiegel entgegensah. Jetzt gab es ja noch einen Hauptspaß, nämlich das stille Beobachten der alten Newland, wie deren elegisch angehauchten Tochter und des ehrenwerten Mr. Fowler beim Frühstück. Denn daran, daß die Gesellschaft überhaupt kommen würde, zweifelte ich keinen Augenblick. Schon, um jeden Verdacht von sich abzulenken, mußten sie sich diesen Morgen zeigen.
Daher begab ich mich ein wenig früher als gewöhnlich hinab, um die Personen, in deren Dasein ich ohne ihr Wissen eine so bedeutende Rolle gespielt, sofort beim Eintreten ins Speisezimmer aufs Korn zu nehmen. Wer aber beschreibt meine Überraschung! In der Halle, an der weit geöffneten Hausthür, durch die ich eine elegante Equipage vor dem Hause halten sah, standen Mrs. Newland und ihre Tochter, völlig reisefertig, im Begriff, sich von Miß Emmerson zu verabschieden, und deutlich vernahm ich noch die seltsamen Worte:
»Der arme Frank! Er leidet zuweilen an schlimmen Anfällen von Geistesstörung, was seine kindische junge Frau durchaus nicht zugiebt. Ich fürchte, daß seine unmotivierte plötzliche Abreise abermals ein trauriger Beweis ist für diese nicht mehr abzustreitende Thatsache. Ellen und ich müssen uns daher schleunigst auf die Suche der beklagenswerten Kinder begeben und können daher leider die Annehmlichkeiten Ihres Hauses nicht länger genießen, meine teure Miß Emmerson! Major Fowler wird indes noch bis morgen hier bleiben und dann mit unserm Gepäck nachfolgen.«
Jetzt schritt ich unbefangen und unerschrocken die letzten Stufen der Treppe, auf der ich stand, hinab, so daß ich nur noch wenige Fuß breit von den Damen entfernt war. Mit einem höflichen: »Good morning!« lüftete ich den Hut. In demselben Augenblick aber fuhr Mrs. Newlands Kopf nach mir herum, und ich vermochte voll in ihr Angesicht zu schauen.
Ich habe wohl davon gehört, daß blühende, gesunde Menschen durch Kummer, seelischen Schmerz oder körperliche Leiden binnen weniger Monate ein vollständig verändertes Aussehen erhalten können. Diese bisher noch so rüstige Frau hatte aber eine einzige Nacht zur Greisin umgewandelt. Doch nicht der Ausdruck milder, friedlicher Ruhe lag über dem gefurchten Gesicht, – nein, eine grauenhafte, grinsende Verzerrung, welche zu verbergen ihr nicht gelang, zuckte zuweilen darüber hin. Vor diesem Anblick schauderte ich innerlich und gedachte des Hauptes der Medusa.
Zwar traf mich nur ein einziger Blick der in stiller Angst, in Grimm und Wut flackernden dunklen Augen, doch er genügte, mir zu verraten, daß die fürchterliche Kreatur mir auf dem Grunde der Seele zu lesen beabsichtigte, und daß ihr scharfer Verstand sie doch vielleicht auf die richtige Spur geleitet. Wie aus Erz gegossen, mit keiner Wimper zuckend, stand ich vor ihr. Mir erschien dies jetzt schon als Anfang der Vergeltung, die früher oder später über diese geldgierige Megäre, wie der eigene Sohn sie benannte, unfehlbar hereinbrechen mußte. Nochmals verbeugte ich mich kühl und schritt an ihr vorüber dem Speisezimmer zu.
Das war auch das letzte, was ich von Frank Wilsons Mutter jemals wieder geschaut. – –
Zwei Tage später brachten die New Yorker Zeitungen von neuem allerlei Gerüchte über die vermeintlichen Falschmünzer, unter anderem die Nachricht, daß die Polizei sich die gefährlichen Vögel jedenfalls wieder habe aus dem Garn fliegen lassen. Wenigstens sei auf einem der City-Bahnhöfe eine ominöse Reisetasche, vollgepfropft mit allerlei äußerst verdächtigem Werkzeuge nebst Zubehör, aufgefunden und mit Beschlag belegt worden, und könne das wohl zu dem Schlusse berechtigen, daß die verbrecherischen Eigentümer derselben längst über alle Berge wären. –
Nach etwa sechs Monaten erhielt ich die ersten ausführlicheren Nachrichten von meinen Schützlingen in einem Briefe, dem ein Check über 150 Dollars, zahlbar an der Bank von Montreal, beigeschlossen war. Es war Mrs. Maud Wilson, die mir schrieb; doch mußte ich bei dem Lesen öfters eine Pause machen, weil eine eigentümliche Rührung mich überkam. Fast Seite um Seite füllten nur rührende Dankesworte das Papier. Dieses Geld – so meldete sie – sei die erste Rate ihrer Schuld; indes dürften sie nicht im mindesten deshalb darben. Frank habe einen brillanten Verdienst! – Und was stand da noch in diesem Briefe? Von nie gekanntem Glück, von seligem Frieden und einem süßen, trauten Heim erzählten die Zeilen –; ferner wie Frank arbeite von früh bis spät, wie einfach und anspruchslos er sei in seinen Bedürfnissen, aber auch, wie geachtet und geliebt er sei von seinem Chef und von allen, mit denen er verkehre! »Ist dieses gottgesegnete Leben jetzt nur eine himmlische Illusion oder haben wir früher einen bösen Traum geträumt? O, möchte doch die Vergangenheit gänzlich ausgelöscht sein!« So schloß die junge Frau ihr langes Schreiben.
Und sie blieb es wirklich. Denn Frank Wilson ist bis zum heutigen Tage nie mehr an jene Schreckensperiode seines Daseins erinnert worden. Als ich ihn nach langer Zeit, völlig zum Manne herangereift, wiedersah, und er mir stumm, doch mit strahlender Seligkeit im Auge, sein einziges Söhnlein, einen prächtigen, blonden Jungen von etwa einem Jahre, entgegenreichte, da wußte ich genau, daß sein einst so verhärtetes, umdüstertes Gemüt nun endlich Frieden gefunden im Schönsten, was eine weise Hand zu unserem Segen und Frommen geschaffen – im eigenen Heim. – –