»Ei, du heilige Unschuld! Und ich sage dir: Als jüngere Schwester solltest du dich schämen, deine Augen auf einen Mann zu werfen, der mit der älteren verlobt ist!«
Käthe stand wie vom Blitz getroffen. Wer hatte in die Tiefen ihres Herzens geblickt und das Geheimnis, das sie angstvoll, mit Aufbietung aller inneren Kraft hinabgedrängt, an das Licht gezogen? Sie fühlte, wie sie sich entfärbte; sie wußte, daß sie in diesem Augenblicke wie eine auf dem schwersten Verbrechen Ertappte dastand, und doch brachte sie keinen Laut über ihre blassen Lippen.
»Schau, das böse Gewissen! Man könnte es nicht plastischer darstellen,« lachte Flora scharf auf und berührte mit dem Finger die Brust des Mädchens. »Ja, nicht wahr, Schatz, und wenn man es noch so schlau einfädelt, die ältere Schwester läßt sich nicht düpieren? Sie sieht solch einer ‚reinen‘ Mädchenseele bis auf den Grund; sie verfolgt mit klugem Blick die verschiedenen zarten Regungen von der ersten Blumenspende an, die man mit dem naiven Wunsche, Aufmerksamkeit zu erregen, dem Mann in sein Zimmer legt —«
Jetzt kam Leben in die förmlich versteinerte Gestalt des jungen Mädchens. Unwillkürlich schlug sie die Hände zusammen — es kam ihr vor, als sei, seit sie den Fuß auf den heimischen Boden gesetzt, ihre ahnungslose Seele beschlichen worden wie das Wild vom Jäger. War es möglich, daß man ihr aus dieser kleinen Nachlässigkeit, die ihr ja selbst Thränen des Verdrusses erpreßt, einen solchen gehässigen Vorwurf machen konnte? Jetzt wallte ein gerechter Zorn in ihr auf.
»Diese Vergeßlichkeit habe ich mir allerdings zu schulden kommen lassen,« sagte sie, ihre hohe Gestalt stolz aufrichtend. »Wer dir aber auch davon gesprochen haben mag —«
»Wer? Er selbst, Kleine.«
»Dann bist du es, die den Vorfall in ein total falsches Licht zieht —«
»Ah, Kind, nimm dich ein wenig zusammen! Die so lange verhaltene Leidenschaft bricht dir aus den Augen!« rief Flora mit kaltem Lächeln, aber ihre Fußspitze hämmerte in kaum zu bezähmendem Grimm auf dem Parkett. »Also ich lüge? Nicht er, mein Fräulein, indem er sich der Eroberung rühmt?«
Es war abermals, als fliehe jeder Blutstropfen aus dem Mädchengesicht, während sie energisch den Kopf schüttelte. »Nein! Und wenn du mir das zu tausend Malen wiederholst, ich glaube es nicht. Eher werde ich irre an allem, was uns das Sittengesetz als gut und recht hinstellt. Er sollte eine Unwahrheit auch nur denken? Er sollte sich, wie nur irgend ein charakterloser Geck, einer Eroberung rühmen? Er, der —« Sie unterbrach sich, als erschrecke sie vor ihrer eigenen leidenschaftlich bewegten Stimme. »Du hast ihn häßlich verdächtigt, als ich hierher kam,« setzte sie, sich bezwingend hinzu. »Damals durfte ich dir nicht entgegentreten, obgleich ich instinktmäßig sofort für ihn Partei ergriff, aber jetzt, wo ich ihn kenne, leide ich nicht, daß er auch nur mit einem Worte verunglimpft wird. Geradezu unglaublich ist's, daß ich dir das sagen muß. Wie kannst du es übers Herz bringen, wie ist es dir möglich, die Ehre dessen fortgesetzt anzufeinden, der dir in Kürze seinen Namen geben wird?«
Flora fuhr bei den letzten Worten herum und maß die Sprechende mit einem ungläubigen Blicke, als traue sie ihren Sinnen nicht. »Entweder du bist eine Schauspielerin comme il faut, oder — eine Liebeserklärung muß dir schwarz auf weiß überreicht werden, wenn du sie verstehen sollst. Du wüßtest wirklich nichts?« Mit einem impertinenten Lächeln, das alle ihre feingespitzten Zähne zeigte, legte sie beide Hände auf Käthes Arm und schob sie, nach einem durchbohrend dämonischen Aufblicke in die braunen Augen, zornig, heftig von sich. »Bah, was will ich denn noch? Hast du nicht eben gekämpft und dich echauffiert, als wolltest du den letzten Atemzug für ihn verhauchen?«