Käthe wandte ihr den Rücken und schritt nach der Thür. »Ich sehe nicht ein, weshalb du mich vorhin zurückgehalten hast,« sagte sie unwillig.

»Ach, ich war zu verblümt! Muß ich durchaus gut deutsch sprechen? Nun denn, meine Liebe, ich will nichts mehr und nichts weniger wissen, als was Bruck gestern und heute mit dir verhandelt hat.«

»Was er mit mir verhandelt hat,« fuhr Käthe fort, »das darfst du wissen, Wort für Wort. Er hat sich bemüht, und ich habe es ihm schwer genug gemacht, mein blindes Hoffen auf eine abermalige Besserung der Kranken zu zerstören — er hat sich bemüht, mich darauf vorzubereiten, daß« — ihre Stimme brach und halb verhaltene Thränen glänzten in ihren Augen — »Henriette uns verlassen wird.«

Flora trat schweigend und sichtlich verwirrt in das Fenster; bei aller Selbstvergötterung kam ihr doch vielleicht die Ahnung, daß sie diesen beiden Menschen gegenüber in allen Fällen eine klägliche, verlorene Rolle spiele. »Kind, weißt du das nicht längst?« sagte sie in gedämpftem Tone. »Und hast du dir nicht selbst gesagt, daß wir alle für die arme Kreuzträgerin um endliche Erlösung von der Schmerzenslast bitten müssen?« Sie trat mit lautlosen Schritten wieder an das Mädchen heran. »Und war das wirklich Wort für Wort der Inhalt eurer Gespräche?«

Das Gefühl unsäglicher Verachtung stieg in Käthe auf. Sie meinte, das sei gemeine Eifersucht nicht des liebenden, sondern des eitlen Weibes, das dem Manne nachschleiche und jedes seiner Worte zu kontrollieren suche. »Glaubst du, Bruck habe in solchen Stunden, wo er Trost und Stütze der armen Kämpfenden sein muß, für irgend etwas anderes Sinn und Interesse,« antwortete sie mit ernster Zurückweisung, »noch dazu an einem Schmerzenslager wie das da drüben, wo ihm die treueste Freundin auf Erden stirbt?«

»Ja, sie hat ihn geliebt,« sagte Flora kalt.

Eine Flamme schlug über Käthes Gesicht hin — Flora weidete sich förmlich an der mädchenhaften Unbeholfenheit, mit der die junge Schwester ihr Erglühen zu verbergen suchte. »Ei ja, der Mann kann sich gratulieren zu dem Zauber, der ihn, ihm selbst unbewußt, umgibt, der die Mädchenherzen anzieht wie die Lichtflamme einen Mückenschwarm. Und die Welt wird lachen, wenn sie erfährt, daß, so viele Töchter Bankier Mangold hinterlassen hat, auch ebenso viele in den Lichtkreis hineingetaumelt sind. — Bleib!« Sie hatte in fast spielendem Tone gesprochen bis zu dem Momente, wo Käthe sich abermals abwandte und nach der Thür eilte — jetzt kam der herrische Befehl wie ein wilder Schrei von ihren Lippen. Das junge Mädchen blieb, als wäre sie festgewurzelt, aus Furcht, daß der Aufschrei sich wiederholen und die Kranke erschrecken könne. »Auch unsere Jüngste, die schöne Müllerin, derb von Gliedern und tapfer von Gemüt, ist so schwach gewesen,« fuhr sie, in den sarkastischen Ton zurückfallend, fort. »O, möchtest du protestieren mit dieser trotzigen Miene, mit diesem kläglichen Versuche, stolz und beleidigt auszusehen? Nun gut — ich will dir glauben; du kannst dich rein waschen, wenn du widerrufst, was du vorhin mit solch unvergleichlicher Emphase zu Brucks Verherrlichung ausgesprochen hast —«

»Nicht mit einem Jota widerrufe ich.«

»Siehst du wohl, du Sünderin, daß du deiner sträflichen Liebe mit Haut und Haar verfallen bist? Sieh mir in die Augen! Kannst du deiner verheirateten Schwester ins Gesicht hinein ‚nein‘ sagen?«