Käthe hob den gesenkten Kopf und sah über die Schulter zurück; sie griff nach der Stirnwunde, die infolge der Nervenaufregung zu schmerzen begann, aber das geschah mechanisch — und wenn ihr Leben der Wunde entströmt wäre, sie hätte es nicht beachtet in diesem Augenblicke, wo sich ihr ganzes Denken und Fühlen auf einen Punkt konzentrierte. »Du hast kein Recht, mir eine solche Beichte abzuverlangen,« sagte sie fest und doch mit einer Stimme, aus der stürmisches Herzklopfen klang; »ich bin nicht verpflichtet, dir zu antworten. Aber du hast mich eine Sünderin genannt, du hast von Verrat gesprochen — das sind dieselben Worte, mit denen ich mich selbst beschuldigt und gestraft habe, bis ich mir klar geworden bin über die Neigung, die du eine sträfliche nennst —«

»Ah, ein Bekenntnis in bester Form!«

Ein weiches Lächeln spielte um den blaßroten Mund; ein verklärender Schimmer legte sich über das erblichene Gesicht, das in diesem Moment weiß erschien wie die Binde über der Stirn. »Ja, Flora, ich bekenne, weil ich mich nicht zu schämen brauche, ich bekenne auch um unseres verstorbenen Vaters willen; ich will die scheinbare Schuld, als griffe ich nach den heiligen Rechten einer meiner Schwestern, seinem Andenken gegenüber nicht auf meiner Seele haben. Für unsere Gefühle können wir nicht — verantwortlich sind wir nur für die Macht, die wir ihnen einräumen; das weiß ich nun, nach dem erfolglosen Kampfe mit einer rätselhaften Neigung, von der man sich plötzlich sagt, daß sie mit einem geboren und immer dagewesen sein muß — nur schlafend. Ist es Sünde, wenn man verehrend an den Hausaltar eines andern tritt? Ist es Sünde, wenn man freudig zu einem stolzen Baume aufblickt, der im Garten eines andern steht? Ist es Sünde, wenn ich liebe, ohne zu begehren? Ich will nichts von euch; ich werde nie deinen und Brucks Weg kreuzen. Ihr sollt nie wieder von mir hören, sollt euch nicht einmal meiner erinnern; was kann es eurem ehelichen Glücke schaden, wenn ich ihn liebe, so lange ich atme, und ihm die Treue halte wie einem Gestorbenen?«

Ein verletzendes Auflachen unterbrach sie. »Nimm dich in acht, Kleine! Im nächsten Augenblicke wird dein dichterischer Schwung in Verse verfallen.«

»Nein, Flora, die überlasse ich dir, wenn ich mir auch sagen muß, daß ich gesteigert bin in meinem Empfinden und nicht mehr in den festen, ruhigen Geleisen meiner Erziehung gehe, seit ich diese Neigung im Herzen trage.« Sie schritt wieder tiefer in das Zimmer zurück, an dem Ständer vorüber, der den Brautanzug trug. Ohne es zu wissen, streifte sie die nur noch lose droben hängende Schleppe, und mit einem leisen Gezisch sank der rauschende Seidenstoff zur Erde.

Käthe bückte sich erschrocken, aber Flora schleuderte den Atlas verächtlich mit dem Fuße aus dem Wege. »Lasse den Plunder liegen!« sagte sie schneidend. »Aber sieh, selbst der leblose Stoff wird rebellisch und empört sich gegen die Schuldige.«

»Und sprichst du dich ganz frei von Schuld, Flora?« fragte Käthe rasch mit fliegendem Atem — sie hatte auch lebhaft wallendes Blut in den Adern; sie hatte ein strenges Rechtsgefühl in der Seele — dem ausgesprochenen Unrecht der eigensüchtigen Willkür beugte sie sich nicht um des lieben Friedens willen. »Was war es, das mich zu Anfang erfüllt hat? Mitleid, unsägliches, schmerzliches Mitleid für den edlen Mann, den du nicht verstanden, den du vor unser aller Augen gemißhandelt und um jeden Preis abzuschütteln gesucht hast. Wäre es nicht eine schwere Schuld gewesen, wozu hättest du dann Abbitte geleistet? Ich habe dich als Büßende gesehen ... Als du den Ring in den Fluß warfst —«

»Gott im Himmel, Käthe? Wärme doch nicht immer die alte Vision auf, die du einmal gehabt haben willst,« rief Flora und preßte sekundenlang die Hände auf die Ohren; dann hielt sie dem jungen Mädchen den Goldfinger unter die Augen, und ihre Oberlippe hob sich scharf einwärts gekrümmt über den weißen Zähnen. »Da — da sitzt er ja. Und ich kann dir versichern, daß er echt ist — die gravierten Buchstaben lassen nichts zu wünschen übrig .... Um übrigens der Sache ein Ende zu machen, will ich dir sagen, daß dieses Ding da in meinem Leben keine Rolle mehr spielt, es sei denn die eines Drahtes, an dem man eine Marionette lenkt — mein bräutliches Verhältnis zu Bruck ist gelöst —«

Käthe fuhr bestürzt zurück. »Diese Lösung hast du ja schon früher erfolglos versucht,« stammelte sie verwirrt, atemlos.

»Ja, damals hatte der Erbärmliche noch einen Rest von Kraft in der Seele; jetzt ist er windelweich geworden.«