»Flora — er gibt dich frei?«

»Mein Gott, ja, wenn du denn durchaus die Freudenbotschaft noch einmal hören willst —«

»Dann hat er dich auch nie geliebt. Dann hat ihn damals ein anderer Impuls getrieben, auf seinen Rechten zu beharren. Gott sei Dank, nun kann er noch glücklich werden!«

»Meinst du? Wir sind auch noch da,« sagte Flora; sie legte ihre Hand mit festem Druck auf den Arm des jungen Mädchens und ihr Blick tauchte vielsagend und diabolisch tief in die verklärten braunen Augen. »Ich werde ihm die Stunde nie vergessen, in der er mich vergebens um meine Freiheit betteln ließ. Nun soll er auch fühlen, wie es thut, wenn man den Becher zum ersehnten Trunk an die Lippen setzt und er wird einem aus der Hand geschleudert. Ich gebe den Ring nicht heraus, und sollte ich ihn mit den Zähnen festhalten —«

»Den gefälschten —«

»Willst du das beweisen, Kleine? Wo sind deine Zeugen? Mir gegenüber bist du verloren mit einer Anklage, wenn sie nicht Hand und Fuß hat — man sagt mir nicht mit Unrecht nach, daß ein Juristengenie in mir stecke ... Uebrigens magst du dich beruhigen. So unmenschlich grausam bin ich nicht, meinem ehemaligen Verlobten das Heiraten überhaupt zu verbieten; mag er sich doch vermählen — morgen, wenn er Lust hat, aber selbstverständlich nur mit einer Ungeliebten; gegen eine Konvenienzehe erhebe ich keinen Einspruch ... Ich werde ihm nachspüren, nachschleichen auf jeder inneren Regung, die er unvorsichtig an den Tag legt — wehe ihm, wenn ich ihn auf einem Wege betreffe, der mir nicht konveniert!«

Sie hatte einen der rings verstreuten Orangenzweige ergriffen und wiegte ihn zwischen den Fingerspitzen spielend hin und her; sie sah aus wie ein schönes Raubtier, das ein Opfer mit geschmeidigen Windungen des schlanken Körpers umkreist.

»Nun, Käthe, du liebst ihn ja; hast du nicht Lust, für ihn zu bitten — wie?« hob sie wieder an, die langsam gesprochenen Worte scharf markierend. »Schau, ich habe sein Glück in der Hand; ich kann es zerdrücken, ich kann es aufleben lassen, ganz nach Belieben. Diese Machtvollkommenheit ist für mich allerdings unbezahlbar, und doch — kann ich kaum der Versuchung widerstehen, sie hinzugeben, lediglich um einmal zu erproben, inwieweit die hochgepriesene sogenannte wahre Liebe feuerfest ist ... Gesetzt, ich legte diesen Ring mit der Befugnis in deine Hand, ihn zu verwenden, wie es dir gut dünkt — verstehe mich recht: ich selbst hätte mich dann von diesem Augenblicke an jedes Einspruchs, jedes Anrechtes begeben — würdest du bereit sein, dich jeder meiner Bedingungen zu unterwerfen, damit Bruck von dieser Stunde an freie Wahl hätte?«

Käthe hatte unwillkürlich die Hände verschlungen und drückte sie fest gegen die wogende Brust; man sah, ein unbeschreiblicher Kampf arbeitete in dieser jungen Seele. »Ich unterwerfe mich jeder, auch der härtesten Bedingung, sofort, wenn ich Bruck aus deinen Schlingen erlösen kann,« rang es sich heiser, aber entschlossen von ihren Lippen.

»Nicht zu sanguinisch, meine Tochter! Du könntest mit diesem übereilten Opfermute leicht dein eigenes Lebensglück hinwerfen.«