Das junge Mädchen schwieg und legte die Rechte an die schmerzende Stirn. Man sah, der Starken brach eine Stütze nach der andern, der Jugendmut, elastische Kraft, die auf sich selber pocht, der Glaube an das schließliche innere Ueberwinden — nur der Wille blieb stark. »Ich weiß, was ich will — da braucht es kein Besinnen,« sagte sie.

Flora hielt den Blütenzweig vor das Gesicht, als atme sie den Duft der künstlichen Blumen ein. »Und wenn er nun — vielleicht nur um mich namenlos zu demütigen — dich selbst begehrte?« fragte sie mit einem blitzenden Seitenblick.

Der jungen Schwester stockte der Atem. »Das wird er nicht — ich war ihm nie sympathisch.«

»Das ist richtig. Ich will aber einmal annehmen, er sage dir, daß er dich liebe, da wäre das Unterpfand seiner Freiheit denn doch sehr schlecht aufgehoben in deinen Händen — meinst du nicht? ... Er würde eines Tages um die Geliebte freien, und sie könnte nicht widerstehen, und ich mit meinen unbestrittenen Anrechten hätte das Nachsehen — nein, ich behalte meinen Ring.«

»O Gott, darf es wirklich geschehen, daß eine Schwester die andere so entsetzlich martert?« rief Käthe in schmerzlicher Entrüstung. »Aber gerade in diesem Augenblick, der deinen ganzen beispiellosen Egoismus, dein Herz ohne Erbarmen, deine unbezwingliche Neigung zur Intrigue bloßlegt, wie noch nie, fühle ich mich doppelt berufen, Bruck um jeden Preis von dem Vampir zu befreien, der nach seinem Herzblut trachtet — du darfst keine Gewalt mehr über ihn haben ... Er soll ein neues Leben anfangen; er wird sich eine Häuslichkeit schaffen, die ihn beglückt und befriedigt; er wird nicht mehr verurteilt sein, an der Seite einer herzlosen Gefallsüchtigen ein steifes Salonleben zu führen —«

»Sehr verbunden für die schmeichelhafte Beurteilung! Du sprichst viel zu warm für sein Glück, als daß ich dir mein Kleinod anvertrauen möchte.«

»Gib es her — du kannst es getrost.«

»Und wenn er dich nun wirklich und wahrhaftig liebte?«

Die Lippen des jungen Mädchens zuckten in unsäglicher Qual; sie verschlang die Hände angstvoll ineinander, wie es die Verzweiflung thut, aber sie blieb standhaft. »Wäre es auch — ich bin nicht unersetzlich. Wie leicht wird es ihm werden, eine Bessere zu finden! Und daß er nicht wieder blindlings ein falsches Los zieht, dafür bürgt seine schmerzliche Erfahrung. Gib mir den Ring, den gefälschten, von dem ich weiß, daß in Wahrheit auch nicht die leiseste Spur von einem Recht mehr an ihm hängt — ich verspreche dir, ihn zu achten wie den, der im Flusse liegt, weil er trotz alledem und alledem Brucks Befreiung verbürgt.« Sie streckte die Hand aus.

»So wie ich dich kenne, bist du ehrenhaft genug, ihn nie zu deinen Gunsten zu verwenden,« sagte Flora nachdrücklich und den Ring abstreifend; ein leises Zittern durchlief Käthes Glieder, als das Gold ihre Handfläche berührte — dann schlossen sich die Finger wie im Krampf über dem Reif; dabei stahl sich ein bitterverächtliches Lächeln um den Mund des Mädchens — sie war zu stolz, auch nur mit einer Silbe ihre makellose Absicht zu beteuern.