Henriette sprang auf und kam herüber. »Du bist musikalisch, Käthe,« fragte sie erstaunt, »und hast, solange du da bist, nicht eine Taste berührt?«
»Der Flügel steht neben Floras Zimmer; wie konnte ich denn so anmaßend sein, sie mit meinem Klavierspiel im Arbeiten zu stören?« antwortete das junge Mädchen unbefangen und natürlich. »Ich habe freilich schon den lebhaften Wunsch gehabt, und es hat mir in den Fingern gezuckt, auch einmal auf dem Instrumente hier zu spielen, denn es ist herrlich und mein Pianino daheim taugt nicht viel. Wir haben es vor fünf Jahren alt gekauft. Die Doktorin will schon seit lange ein besseres von dir fordern, aber ich war immer dagegen. Es war mir fatal, daß du von dieser Forderung auf meine Leistungen schließen könntest. Nun aber, nachdem ich heute den bewußten Schrank gesehen habe, bin ich durchaus nicht mehr so blöde; ich wünsche mir ein Instrument wie dieses.«
»Es kostet tausend Thaler; tausend Thaler für eine kleine Mädchenpassion! Das will überlegt sein, Käthe.«
»Und wer im Hause spielt denn auf eurem Instrumente?« fragte sie jetzt mit fast harter Stimme und aufglühenden Augen; man sah, sie war im Innersten verletzt. »Wem verschafft es einen Genuß in stillen Stunden? Es steht nur für Gäste da. Muß denn das Kapital immer so angelegt sein, daß es nur brilliert?«
Der Kommerzienrat trat ihr ganz betroffen näher und erfaßte ihre Hand; er hatte diesen Ausdruck voll Energie und eigener fester Urteilskraft noch nicht in dem blühenden Mädchenantlitze gesehen. »Ereifere dich nicht, liebes Kind!« begütigte er. »Bin ich denn je ein harter und knickeriger Vormund gewesen? Geh, spiele eine Piece und beweise uns, daß dir die Beschäftigung mit der Musik wirklich Herzenssache ist! Mehr verlange ich gar nicht, und du sollst ein Instrument haben, wie du es dir wünschest.«
»Nun, nach dem Vorhergegangenen thue ich's nicht gern,« sagte sie aufrichtig und unumwunden und entzog ihm ihre Hand. »‚Erspielen‘ will ich mir den Flügel keinenfalls, wer weiß denn, was für eine Leistung du unter der ‚Herzenssache‘ verstehst! Aber ich werde meine Noten holen, weil mir das ‚Sichnötigenlassen‘ verhaßt ist.«
Sie wollte sich entfernen.
»Wozu denn Musikalien? Spiele doch eine deiner ‚Kompositionen‘!« sagte Flora, ein sardonisches Lächeln halb verbeißend.
»Ich kann auch meine eigenen Arbeiten nicht auswendig,« antwortete Käthe hinausgehend.
Sie kam sehr rasch mit einem Notenhefte in der Hand zurück. Während sie sich auf den Klavierstuhl setzte, den ihr Fräulein von Giese bereitwillig einräumte, nahm Flora das Heft vom Notenpulte. »Von wem?« fragte sie, das Titelblatt aufschlagend.