»Nun, hast du nicht eine Komposition von mir zu hören gewünscht?«
»Allerdings, aber du hast dich vergriffen — das Tonstück da ist ja gedruckt —«
»Ganz recht. Es ist gedruckt.«
»Mein Gott, wie kommt denn das?« fuhr Flora so rasch, so naiv erstaunt und betreten heraus, daß sie auf einen Augenblick ihre selbstbewußte Haltung einbüßte.
»Ja, Flörchen, wie kommt es denn, daß deine Sachen gedruckt werden?« fragte Käthe scherzend, mit Humor zurück und legte ihre schönen, schlankgebauten Hände auf die Tasten. »Ich will dir sagen, wie ich zu der Ehre gekommen bin,« setzte sie schnell und begütigend hinzu — Flora hatte offenbar ihre Antwort sehr übel genommen; sie richtete sich beleidigt empor und sah mit hochmütigem Blicke auf die junge Schwester herab. »Meine Lehrer haben die ‚Phantasie‘ heimlich drucken lassen, um mir eine Geburtstagsfreude zu machen.«
»Ah so — das konnte man sich denken,« sagte Flora und legte die Noten auf das Pult zurück.
Henriette war währenddem hinter ihr weggeschlüpft; sie bog sich über Käthes Schulter und zeigte mit dem Finger auf das Titelblatt. »Lasse dir doch nichts weismachen, Flora!« rief sie auflachend. »Sieh her! Da steht der berühmte Verlag von Schott und Söhne — die Firma gibt sich doch zu einem Geburtstagsspaße nicht her. Käthe, sage die Wahrheit!« bat sie mit strahlenden Augen. »Man spielt deine Sachen draußen in der Welt — sie werden gekauft?«
Das junge Mädchen nickte errötend und bestätigend mit dem Kopfe. »Die Wahrheit ist aber auch, daß ich um mein eigenes Hinaustreten nicht gewußt und das erste Opus gedruckt auf meinem Geburtstagstische gefunden habe,« sagte sie und begann ihren Vortrag.
Es war eine ganz einfache Melodie, welche an das Ohr der Hörer schlug, aber schon nach einigen Takten ließen die am Spieltische Sitzenden die Whistkarten sinken, so samtweich quollen die Töne aus dem Instrumente, und so durch und durch originell und herzergreifend klang die neue Weise. Die junge Komponistin saß da, die Augen ernst sinnig auf die Noten geheftet, in so ruhiger Haltung, daß man das schwarze Jettkreuz auf ihrer Brust unter den Atemzügen beben sehen konnte. Da war kein Brillieren mit Fingerfertigkeit, kein »Wühlen in den Tönen« — man fragte sich nicht, ob das Spiel korrekt sei; man dachte überhaupt nicht an das Spiel, so wenig wie man bei einem erschütternden Gesange an die Mundstellung des Sängers denkt, und als die Melodie schwieg, die nicht einmal zum Schlusse in die rauschende Gangart eines modernen Konzertstückes verfallen war, da blieb es noch einen Augenblick so atemlos still, als dürfe die entfliehende Tonseele, die eben noch so innig gesprochen, nicht durch lautes Geräusch erschreckt werden. Dann aber wurde es lebendig drüben im Salon; die Herren riefen: »Bravo!« — »Scharmant!« — »Superb!«, und die Damen bedauerten, daß der Papa Mangold das nicht erlebt habe. Man war überrascht, gerührt und — griff wieder zu den Karten.