»Die reizende ‚Phantasie‘ müssen Sie mir geben, Fräulein. Ich werde sie der Fürstin vorspielen,« sagte die Hofdame mit Protektormiene.
»Und den schönsten Konzertflügel, der je gebaut worden ist, sollst du haben, Käthe!« setzte der Kommerzienrat enthusiastisch hinzu.
Henriette aber schmiegte liebkosend ihr blasses Gesicht an die blühende Wange der Schwester und flüsterte mit feuchten Augen: »Du Auserwählte!«
Schon nach den ersten Tönen war Flora wie verscheucht vom Flügel weggetreten und geräuschlos hinausgegangen. Langsam glitt sie drüben im roten Zimmer hin und wieder, bei jeder herzerschütternden Wandlung der Melodie einen förmlich erschreckten Blick nach dem genialen Mädchen am Klavier werfend, und nun, als der letzte Ton verklungen, war die ruhelos schwebende weiße Gestalt verschwunden; sie hatte sich jedenfalls in die Schreibtischecke am Fenster zurückgezogen.
»Ah, mir scheint, Flora nimmt es übel, daß sie nun nicht mehr die einzige ‚Berühmtheit‘ der Familie Mangold sein wird,« sagte Fräulein von Giese halb für sich, halb zum Kommerzienrat gewendet mit boshaftem Geflüster.
Der Kommerzienrat lächelte; er lächelte stets, wenn jemand vom Hofe vertraulich zu ihm sprach, aber er vermied es, zu antworten.
»Auf deine Doktorin bin ich übrigens sehr böse, weil sie mir niemals Näheres über deine musikalische Begabung mitgeteilt hat,« sagte er zu Käthe, die eben ihren Platz am Flügel verließ.
Sie lachte.
»Bei uns daheim wird überhaupt kein Aufhebens davon gemacht,« versetzte sie unbefangen. »Die Doktorin ist eine Frau, die mit ihrem endgültigen Urteil kargt und zurückhält; sie weiß, daß ich noch sehr viel zu lernen habe.«
»Ach, geh mir doch! Das ist schon mehr spartanische Erziehung —«