»Oder auch das ausgesuchteste Raffinement, mit welchem man einen großen Erfolg in Szene zu setzen wünscht,« fiel Flora ein, die eben unter die Thür trat; ihr Gesicht glühte wie im Fieber. »Mir machst du nicht weis, Käthe, daß du so harmlos bescheiden über dein Talent denkst, daß du wirklich so wenig Gewicht darauf legst, um bei einem fünftägigen Aufenthalte in unserem Hause gar nicht zu thun, als könntest du auch nur eine Note — das ist falsch, hinterlistig gegen mich, gegen uns alle.« Der aufquellende Groll erstickte fast ihre schöne, klangreiche Stimme.

»So urteilst du, Flora?« brauste Henriette empört auf. »Du, die nie müde wird, ihre schriftstellerischen Bestrebungen, ihre ‚gelehrten Studien‘ in jedes Gespräch zu ziehen und breitzutreten, die sich in ihrem Bekanntenkreise bereits auf Erfolge stützt, welche noch abzuwarten sind —«

»Henriette, besorge den Thee!« rief die Präsidentin in scharfem, strengem Tone herüber — man war zu laut im Musikzimmer.

Die Angerufene ging grollend hinaus.

»Du irrst, Flora, wenn du denkst, ich lege kein Gewicht auf mein Talent,« sagte Käthe vollkommen ruhig, während die geistesstolze Schwester zornig an der Unterlippe nagte und die Hinausgehende mit einem bitteren Blicke verfolgte. »Dann wäre ich unwahr gegen mich selbst und auch namenlos undankbar, denn es verschafft mir himmlische Stunden. Es ist Zufall, daß ich nicht gleich bei meiner Ankunft darüber gesprochen habe; denn gerade die Musik ist schuld, daß ich einen Monat früher hierher gekommen bin. Mein Lehrer in der Komposition mußte auf vier Wochen verreisen, und weil ich dann volle zwei Monate den Unterricht eingebüßt haben würde, entschloß ich mich rasch und verließ Dresden mit ihm zugleich.«

Bei diesen letzten Worten des jungen Mädchens ging Fräulein von Giese in den Salon, sichtlich widerwillig sich losreißend — die Erörterungen waren ja doch zu pikant — aber ihr Vater, ein alter pensionierter Oberst, war eben gekommen; er mußte begrüßt werden, auch der Kommerzienrat ging hinaus.

Flora trat wieder an den Flügel und nahm das Notenheft vom Pult. Käthe sah, wie sich der schöne Busen der Schwester unter fliegenden Atemzügen hob, wie ihre Hand in nervöser Aufregung bebte; Käthe bereute bitter die Arglosigkeit, mit der sie das kleine Werk in diesem Kreise vorgeführt hatte.

»Man hat dir wohl viel Schmeichelhaftes darüber gesagt?« fragte Flora und schlug mit der umgekehrten Rechten auf das Titelblatt — ihre Augen hingen verzehrend an den Lippen der Schwester.

»Wer denn?« entgegnete Käthe. »Meine Lehrer sind ebenso zurückhaltend mit ihrem Lobe wie die Doktorin, und andere wissen nicht um meine Autorschaft; du siehst doch, der Name des Komponisten fehlt.«

»Aber das Werkchen wird viel gekauft?«