So enthält dieser Vortrag, trotz seiner sonst vortrefflichen Eigenschaften, im Keim bereits alle Fehler, welche in der späteren Lassalleschen Bewegung zutage getreten sind.
Zum Schluß ermahnt Lassalle die Arbeiter, sich ganz von dem Gedanken an die hohe geschichtliche Mission ihrer Klasse durchdringen zu lassen, aus ihm die Pflicht zu einer ganz neuen Haltung herzuleiten. „Es ziemen Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten, noch die müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leichtsinn der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, auf welchen die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll!”
Lassalle ließ, wie gesagt, auch diesen Vortrag drucken. Aber so vorsichtig er auch gehalten ist, so sehr Lassalle jede unmittelbare politische Schlußfolgerung vermeidet, so witterte die Berliner Polizei, zumal ihr Lassalles politische Bestrebungen sehr gut bekannt waren, doch sofort, worauf der Vortrag hinauslief. Sie ließ die ganze, bei einem Berliner Drucker hergestellte Auflage von 3000 Exemplaren beschlagnahmen und gegen Lassalle Strafuntersuchung einleiten. Ende Juni war die Broschüre im Druck vollendet und konfisziert worden. Am 4. November 1862 reichte der Staatsanwalt von Schelling — ein Sohn des Philosophen Schelling — beim Berliner Stadtgericht das Gesuch ein um Einleitung der Strafuntersuchung gegen Lassalle wegen „Aufreizung der besitzlosen Klassen zu Haß und Verachtung gegen die Besitzenden”. Am 17. November beschloß das Stadtgericht, dem Gesuch Folge zu geben, und am 16. Januar 1863 kam der Prozeß in erster Instanz zur Verhandlung. Trotz einer wahrhaft brillanten Verteidigung, in der sich Lassalle dem Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten gleich überlegen zeigte, und namentlich den ersteren Spießruten laufen ließ, wurde Lassalle doch zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Er appellierte und hatte wenigstens den Erfolg, daß das Kammergericht die Gefängnisstrafe in eine verhältnismäßig unerhebliche Geldstrafe umwandelte. Die Beschlagnahme der Broschüre blieb allerdings aufrechterhalten, indes ließ Lassalle den Vortrag nun bei Meyer & Zeller in Zürich in Neuauflage erscheinen.
Ebenfalls bei Meyer & Zeller erschienen die drei Broschüren über den Prozeß in der ersten Instanz — von denen die erste die Verteidigungsrede Lassalles (unter dem Sondertitel: „Die Wissenschaft und die Arbeiter”), die zweite den stenographischen Bericht über die mündlichen Verhandlungen, und die dritte eine etwas breite Kritik des erstinstanzlichen Urteils enthält — und schließlich auch unter dem Titel: „Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen”, die eine ganze Geschichte und Kritik der indirekten Steuer darbietende Verteidigungsrede in der zweiten Instanz. War die erste Verteidigungsrede eine außerordentlich geschickte und wirkungsvolle Beweisführung dafür, daß der Satz in der preußischen Verfassung „die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei” sinnlos wäre, wenn er nicht das Recht in sich begriffe, die Lehren der Wissenschaft und ihre Theorien den breiten Volkskreisen vorzutragen, und daß gerade die Arbeiterklasse infolge ihrer gesellschaftlichen Lage die natürliche Verbündete der für ihre Freiheit kämpfenden Wissenschaft sei, so ist die Rede über die indirekte Steuer eine ganze ökonomische Abhandlung mit sehr vielem geschichtlichen und statistischen Material, die man noch heute mit Frucht lesen wird, eine der wuchtigsten Anklageschriften gegen das System der indirekten Steuern, die je geschrieben wurden. Politisch kommt in dieser zweiten Rede schon der Kampf Lassalles mit dem bürgerlichen Liberalismus zu schärfstem Ausdruck, während in der ersten Rede noch die Gemeinsamkeit des Kampfes beider wider die Reaktionsmächte betont wurde. Eine eingehendere Würdigung dieser Reden findet man in den Vorworten des Schreibers zu ihnen. Hier müssen wir vorerst wieder auf die Zeit zurückgehen, in welcher der Vortrag selbst gehalten worden war, das Frühjahr 1862.
Es ist begreiflich, daß der Vortrag als solcher zunächst kein besonderes Aufsehen machte. So sehr er sich dem inneren Gehalt nach von der Kost unterschied, die den Berliner Arbeitern damals von den Fortschrittsrednern vorgesetzt wurde, der äußeren, politischen Tendenz nach wich er wenig von ihr ab. An radikalen Wendungen, Anspielungen auf eine Neuauflage der 1848er Revolution, Angriffen auf die indirekte Steuer usw. ließen es auch die fortschrittlich-demokratischen Dutzendredner nicht fehlen. Ja, da sie ihre Reden mit Ausfällen gegen die Regierung spickten, hörten sich diese gewöhnlich viel radikaler an als der fast ganz akademisch gehaltene Vortrag Lassalles. Wenn der Philister oppositionell ist, nimmt er es in der Großspurigkeit der Redensarten mit jedem auf. Auf die Mehrheit seiner Hörer, ob Arbeiter oder Bürger, machte der Vortrag noch nicht den Eindruck von außergewöhnlichem Radikalismus.
So wurde denn auch Lassalle, der Mitglied der „Philosophischen Gesellschaft” in Berlin war, noch in demselben Frühjahr von dieser dazu ausersehen, bei der auf den 19. Mai veranstalteten Gedenkfeier zum hundertjährigen Geburtstage des Philosophen Fichte die Festrede zu halten. Weder an seinem sozialen noch an seinem politischen Radikalismus, der natürlich in diesen Kreisen wohl bekannt war, nahmen die leitenden Persönlichkeiten damals Anstoß. Da das Bürgertum in seiner großen Mehrheit oppositionell war, durften auch seine Gelehrten noch Ideologie treiben.
Sechs Monate zuvor hatte Lassalle in den „Demokratischen Studien” Fichte als Apostel der deutschen Republik gefeiert; wenn man ihm jetzt den Auftrag erteilte, dem Andenken Fichtes eine Festrede zu halten, so war das im Grunde nichts als eine Anerkennung jenes Aufsatzes. Und Lassalle ließ sich denn auch die Gelegenheit nicht entgehen, das dort Gesagte in anderer Umkleidung zu wiederholen.
Die Rede trägt den Titel: „Die Philosophie Fichtes und die Bedeutung des deutschen Volksgeistes.” Sie ist glänzend, soweit sie Fichtes Stellung in der Geschichte der deutschen Philosophie zur Anschauung bringt. Weiterhin aber verfällt Lassalle wieder in eine ganz althegelsche Ideologie. Der deutsche Volksgeist ist die metaphysische Volksidee, und seine Bedeutung besteht darin, daß die Deutschen die hohe weltgeschichtliche Aufgabe haben, aus dem „reinen Geist” heraus diesem „nicht bloß eine reale Wirklichkeit”, sondern sogar „die bloße Stätte seines Daseins, sein Territorium”, erst zu schaffen. „Indem hier das Sein aus dem reinen Geist selbst erzeugt wird, mit nichts Geschichtlichem, nichts Naturwüchsigem und Besonderem verwachsen, kann es nur sein, des reinen Gedankens, Ebenbild sein, und trägt hierin die Notwendigkeit jener Bestimmung zur höchsten und vollendetsten Geistigkeit der Freiheit, die ihm Fichte weissagt.” Und was Fichte philosophisch in der Einsamkeit seines Denkens aufgestellt habe, das sei, einen anderen Ausspruch dieses Philosophen bewahrheitend, bereits „zur Religion geworden” und durchbebe „unter dem populären und dogmatischen Namen der deutschen Einheit jedes edlere deutsche Herz”.
Das Streben nach der deutschen Einheit als die Frucht des „reinen, mit nichts Geschichtlichem verwachsenen” Geistes hinstellen — das ging noch über die Ideologie des Liberalismus hinaus. Deshalb scheint auch der mit großer Konsequenz und Einheitlichkeit des Gedankens durchgeführte Vortrag seine Wirkung auf das Festpublikum total verfehlt zu haben. Wie einige Blätter schadenfroh berichteten, verließen die Hörer zum großen Verdruß Lassalles allmählich das Zimmer der Festrede, „um sich nach dem Zimmer des leckeren Mahles zu verfügen”. Sie vergaßen aber hinzuzusetzen, daß die Hörerschaft sich nicht nur aus Mitgliedern der philosophischen Gesellschaft, sondern in der Mehrheit aus deren Gästen zusammensetzte — meist also Leute, die solche Festversammlungen lediglich des guten Tons halber besuchen.
Lassalle ließ auch diese Rede im Separatdruck erscheinen und sandte sie, zusammen mit dem „Julian Schmidt”, und dem Vortrag „über Verfassungswesen” durch Lothar Bucher an Marx. Er habe „etwas politisch-praktische Agitation beginnen” wollen, schreibt er unter dem 9. Juni an letzteren. „So habe ich den Verfassungsvortrag in vier Vereinen gehalten. Außerdem einen weit längeren Vortrag über den Arbeiterstand geschrieben und in einem Arbeiterverein gehalten.” Es ist dies das „Arbeiterprogramm”. „Ich habe mich jetzt auch entschlossen,” setzt er hinzu, „ihn drucken zu lassen; er ist bereits unter der Presse. Sowie er fertig ist, sende ich ihn Dir.” Im weiteren Verlauf seines Briefes kommt er wieder darauf zurück, daß durch die intensivere Beschäftigung mit anderen Dingen in den letzten drei Jahren die nationalökonomische Materie in seinem Kopf „gleichsam fossil” geworden sei. Erst wenn „alles wieder flüssig geworden”, werde er an die zweite Lektüre des Marxschen Buches „Zur Kritik der politischen Ökonomie” gehen, und dann ziemlich gleichzeitig an dessen Besprechung und die Ausführung seines eigenen ökonomischen Werkes — „welch letztere freilich sehr lange dauern wird”. Dieses Programm werde ohnehin durch eine zweimonatige Reise unterbrochen, denn im Sommer halte er es in Berlin nicht aus. Im Juli werde er nach der Schweiz reisen oder erst nach London kommen und dann in die Schweiz gehen.