Er entschied sich für das letztere. Vorher aber schrieb er noch einmal an Marx, und zwar:
„Lieber Marx! Der Überbringer ist der Hauptmann Schweigert, der mit Auszeichnung unter Garibaldi und speziell unter meinem Freund Rüstow gedient hat. Er ist der ehrlichste und zuverlässigste Kerl von der Welt. C'est un homme d'action. Er steht an der Spitze der Wehrvereine, die er von Coburg aus organisiert und geht jetzt nach London, um dort Geldmittel für 3000 Gewehre aufzutreiben, die er für die Wehrvereine braucht. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie wünschenswert dies wäre. Habe also die Güte, ihn mit allen Leuten in Rapport zu setzen, von denen er Geld für diesen Zweck erhalten kann oder sonstigen zu diesem Ziel führenden Vorschub zu tun. Tue Dein Möglichstes.
„Die Wahrscheinlichkeit, daß ich nach London komme, nimmt zu.
Berlin, 19. 6. 62. Dein F. Lassalle.”
Die von Coburg aus organisierten „Wehrvereine” standen im Lager des „Nationalvereins”, der seinen Sitz in jener Stadt hatte. Rüstow wollte sie offenbar für Aktionen verwendbar machen, die zeitgemäß werden konnten, wenn Garibaldi sich von neuem erhob. Die Betonung des „homme d'action”, und das große Interesse an der Beschaffung der 3000 Gewehre sind eine weitere Bestätigung für das weiter oben von den Revolutionsplänen Lassalles Gesagte.
Mit zwei kurzen Briefen aus London selbst, die sich auf Besuche und einen zu unternehmenden gemeinsamen Ausflug beziehen, schließen die mir vorliegenden Briefe Lassalles an Marx ab. Es wäre aber falsch, daraus den Schluß zu ziehen, daß es bei dem Besuch zu einem Bruch zwischen den beiden gekommen wäre. Ein solcher hat nie stattgefunden. Wohl aber wissen wir von Marx, daß in den mündlichen Auseinandersetzungen zwischen ihm und Lassalle er dem letzteren die grundsätzliche Verschiedenheit der beiderseitigen Standpunkte rückhaltlos dargelegt, sich rundweg gegen dessen Pläne erklärt habe. Bald nachdem Lassalle im Herbst 1862 nach Berlin zurückgekehrt war, schlief die Korrespondenz gänzlich ein. Um so enger schloß sich Lassalle an Bucher an, der ihn später auch mit Rodbertus in Verbindung brachte.
Im Spätsommer 1862 schien es einen Augenblick, als wolle die preußische Regierung der Volksvertretung gegenüber eine nachgiebigere Haltung einschlagen. Wieder wurde hin- und herverhandelt, bis plötzlich der König in schroffer Weise der Kammer erklären ließ, daß er sich auf keine Konzessionen in bezug auf die Verkürzung der Militärdienstpflicht einlasse und auch keine Neigung verspüre, um Indemnität für die verfassungswidrige Durchführung der Armeeorganisation einzukommen. Die Kammer antwortete damit, daß sie die Forderung der Regierung, die Kosten der Heeresorganisation in den Etat der ordentlichen Ausgaben aufzunehmen, mit 308 gegen 11 Stimmen verwarf. Um den Widerstand der Mehrheit zu brechen, berief der König an Stelle des Herrn v. d. Heydt den gerade in Berlin befindlichen Gesandten Preußens am französischen Hofe, Otto v. Bismarck, ins Ministerium. Die vorhergegangene schroffe Betonung der königlichen Vorrechte war bereits im Einverständnis mit Bismarck erfolgt.
Bismarck, der 1847 im „Vereinigten Landtag” und 1849 in der Preußischen Nationalversammlung als feudal-junkerlicher Heißsporn aufgetreten war, hatte sich inzwischen zum „modernen Staatsmann” entwickelt. Er hatte die junkerlichen Ideologien über Bord geworfen, um desto wirksamer die Interessen des „befestigten Grundbesitzes” wahrzunehmen, er hatte den vormärzlichen Absolutismus aufgegeben, um dem Königtum dadurch eine um so privilegiertere Stellung zu sichern, daß die Volksvertretung die Verantwortung, aber auch nichts als die Verantwortung für die Bedürfnisse und die Politik der Monarchie übernehmen sollte. Kurz, er hatte die Maximen des als Bonapartismus bekannten Regierungssystems übernommen, das, wenn es von Demokratie spricht, Regierungsgewalt meint, und von Fürsorge für das Wohl der Armen deklamiert, wenn es einen Steuerfeldzug auf die Taschen der Arbeiter im Schilde führt. Von der zarischen Diplomatie hatte er gelernt, wie man absolutistisch regieren und unter der Hand mit Revolutionären Geschäfte machen kann, von der bonapartistischen, wie man stets in dem Augenblick den Gegner einer verpönten Handlung beschuldigen muß, wo man selbst eben diese Handlung zu begehen im Begriff ist. Als Spezialität übte er außerdem die Gepflogenheit aller geriebenen Diplomaten, zeitweilig eine verblüffende Aufrichtigkeit an den Tag zu legen, um bei der nächsten Gelegenheit mit desto mehr Erfolg die Sprache gebrauchen zu können, um die Wahrheit nicht zu sagen.
Mit dieser „Aufrichtigkeit” trat Bismarck auch vor die Kammer, trotzdem wurde ihm jedoch sein deutsches Programm nicht geglaubt. Seine Erklärung in der Budgetkommission, die deutsche Frage werde nur durch „Blut und Eisen” gelöst werden, reizte nur um so mehr zum Widerstand. Das Abgeordnetenhaus blieb bei seinem Beschluß bestehen, der Regierung nichts zu bewilligen, bevor nicht sein verfassungsmäßiges Recht von ihr anerkannt sei, worauf Bismarck das Haus vertagte mit der Erklärung, die Regierung werde vorderhand das Geld nehmen, wo sie es finde.
Indes war seine Lage keineswegs eine sehr gesicherte. Wohl hatte er die Regierungsgewalt, d. h. die organisierte Macht, hinter sich, während die Kammer vorläufig nichts als die „öffentliche Meinung” auf ihrer Seite hatte. Indes, er wußte ganz gut, daß er sich auf die preußischen Bajonette nicht „setzen” konnte. Auf durchgreifende Erfolge in der auswärtigen Politik, geeignet, die ehemaligen „Gothaer”, d. h. die schwachliberalen Kleindeutschen, für die Regierung zurückzugewinnen, war vorderhand nicht zu rechnen. Er mußte also anderwärts Verbündete gegen die Fortschrittspartei zu gewinnen suchen.