Für jeden, der lesen kann, ist diese Erklärung eine zwar recht lendenlahme Drohung, aber doch eine Drohung mit der Revolution. „Wir wollen keine Revolution, o Gott behüte, wir waschen unsere Hände in Unschuld, aber wenn ihr nicht nachgebt, dann wird sie doch kommen, und dann habt ihr es euch selbst zuzuschreiben.” Eine, wenn man wirklich die ganze Nation hinter sich hat, sehr feige Art zu drohen, aber leider zugleich auch sehr gebräuchliche Art zu drohen — so gebräuchlich, daß, wie gesagt, über den Sinn der Erklärung gar kein Mißverständnis möglich war. Was aber tut Lassalle? Er stellt sich, als ob er die Drohung nicht verstanden habe, und er stellt sich so, nicht etwa, um die Fortschrittler zu einer entschiedeneren Sprache herauszufordern, sondern um ihnen zu drohen für den Fall, daß es zu einer Revolution oder einem Staatsstreich kommen sollte. Er zitiert den obigen Ausspruch des Herrn von Bennigsen und läßt ihm das nachstehende Pronunziamento folgen: „Erheben wir also unsere Arme und verpflichten wir uns, wenn jemals dieser Umschwung, sei es auf diesem, sei es auf jenem Wege käme, es den Fortschrittlern und Nationalvereinlern gedenken zu wollen, daß sie bis zum letzten Augenblicke erklärt haben: sie wollen keine Revolution! Verpflichtet euch dazu, hebt eure Hände empor.”

Und „die ganze Versammlung erhebt in großer Aufregung ihre Hände”, heißt es in dem, von Lassalle selbst redigierten Bericht über die Rede.

Was sollte diese Drohung, dieses „Gedenken” bedeuten? Es war kaum eine andre Auslegung möglich, ab daß man die Fortschrittler, wenn nicht direkt angreifen, so doch im Stich lassen wollte, wenn es „auf diesem oder jenem Wege” zum gewaltsamen Zusammenstoß kommen sollte. Eine solche Drohung in diesem Moment konnte aber nur die eine Wirkung haben, die Fortschrittler, statt sie vorwärtszutreiben, erst recht kopfscheu zu machen.

In einer der Versammlungen, in Solingen, kam es zu blutigen Konflikten. Eine Anzahl Fortschrittler, die versucht hatten, Lassalle zu unterbrechen, wurden von exaltierten Anhängern desselben mit Messerstichen bedacht. Auf Grund dieser Vorkommnisse löste der Bürgermeister eine halbe Stunde später die Versammlung auf, worauf Lassalle, gefolgt von einer, ein Hoch über das andere ausbringenden Menge zum Telegraphenbureau eilte und das bekannte Telegramm an Bismarck aufgab, das mit den Worten beginnt: „Fortschrittlicher Bürgermeister hat soeben an der Spitze von zehn mit Bajonettgewehren bewaffneten Gendarmen und mehreren Polizisten mit gezogenem Säbel von mir einberufene Arbeiterversammlung ohne jeden gesetzlichen Grund aufgelöst”, und mit der „Bitte um strengste, schleunigste, gesetzliche Genugtuung” schloß.

Auch wenn man alles in Betracht zieht, was zu Lassalles Entschuldigung angeführt werden kann: seine Erbitterung über die ihm von seiten der Fortschrittler widerfahrenen Angriffe, seine Enttäuschung über die verhältnismäßig geringen Erfolge seiner Agitation, seinen tiefen Widerwillen gegen die feige Taktik der Fortschrittler, seine einseitige, aber doch aufrichtige Gegnerschaft gegen die liberale Wirtschaftslehre — kurz, wenn man sich noch so sehr in seine damalige Lage hineindenkt, so geht doch aus diesem Telegramm, in Verbindung mit der vorstehend geschilderten Rede, eines unbestreitbar hervor — daß Lassalle, als er nach Deutschland zurückkam, bereits seinen inneren Halt — wenn ich mich so ausdrücken darf: seinen Standpunkt verloren hatte. Ein solches Telegramm hätte man keinem Konservativen verziehen, geschweige denn einem Mann, der sich mit Stolz einen Revolutionär genannt, und der seiner inneren Überzeugung nach sicherlich sich noch für einen solchen hielt. Wenn nicht andre Erwägungen, so hätte das einfachste Taktgefühl Lassalle verbieten müssen, sich zu einem Appell an die Staatsgewalt herbeizulassen, der mit einer politischen Denunziation begann.

Und wenn man selbst dieses Telegramm noch mit der durch die Auflösung der Versammlung hervorgerufenen Erregung entschuldigen könnte, so folgten ihm bald andre, bei kältester Überlegung unternommene Schritte, die ebenfalls den politischen Grundsätzen, als deren Vertreter Lassalle auftrat, schnurstracks entgegenstanden. Hier nur ein Beispiel, das zudem in enger Verbindung mit den vorerwähnten Vorkommnissen steht.

Einige Arbeiter, die in der Solinger Versammlung vom Messer Gebrauch gemacht haben sollten, waren im Frühjahr 1864 zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Und da war es Lassalle, der allen Ernstes und wiederholt den Vorschlag machte, die Verurteilten sollten, unterstützt durch eine allgemeine Arbeiteradresse, ein Gnadengesuch an den König von Preußen richten. Man denke, Lassalle, der noch einige Jahre zuvor geschrieben hatte (vgl. S. 88 dieser Schrift), er habe zu seinem Leidwesen erst in Berlin gesehen, „wie wenig entmonarchisiert” das Volk in Preußen sei, Lassalle, der in Frankfurt am Main ausgerufen hatte: „Ich habe keine Lust und keinen Beruf, zu andern zu sprechen, als zu Demokraten”, er, der als Führer der neuen Bewegung doch vor allem die Pflicht hatte, seinen Anhängern das Beispiel demokratischen Stolzes zu geben, ermuntert sie, vom König von Preußen Begnadigung zu erbetteln. Indes, die Arbeiter zeigten sich hier taktfester als ihr Führer. Am 20. April 1864 meldet der Solinger Bevollmächtigte Klings, daß gegen Lassalles Vorschlag allgemeine Abneigung herrsche. Sämtliche Hauptmitglieder des Vereins hätten sich dagegen ausgesprochen. „Die beiden von hier Verurteilten gehören zu der entschiedensten Arbeiterpartei und würden, selbst wenn es vier Jahre wären, nicht zu bewegen sein, ein Gnadengesuch einzureichen, weil es ihren Gesinnungen widerstreitet, Sr. Majestät verpflichtet zu sein.”

Dieser Widerstand erweckte das demokratische Gewissen Lassalles, und er schrieb an Klings, die Weigerung der Leute erfülle ihn mit großem Stolz. Aber den Gedanken der Adresse an den König gab er noch immer nicht auf, sondern suchte nachzuweisen, daß diese auch ohne das Gnadengesuch der Verurteilten von großem Nutzen sein könne. Es kann, heißt es wörtlich, „vielleicht auch noch folgender Nutzen eintreten, daß, wenn die Adresse von mehreren tausend Arbeitern unterschrieben ist, man diesem Schritte oben eine — für uns ganz unverbindliche — Auslegung gibt, durch welche man sich um so mehr ermutigt fühlt, bei kommender Gelegenheit an die Oktroyierung des allgemeinen und direkten Wahlrechts zu gehen: ein Schritt, den man, wie Ihnen der beigefügte Leitartikel der ministeriellen Zeitung (die damals veröffentlichte Sternzeitung) zeigt, oben jetzt gerade wieder hin und her überlegt”. Indes auch diese Perspektive vermochte die Solinger nicht von der Richtigkeit des empfohlenen Schrittes zu überzeugen, und so blieb der Bewegung diese Bloßstellung erspart.

Als Lassalle anfangs Oktober 1863 nach Berlin zurückkehrte, ging er zunächst mit allem Eifer daran, die Hauptstadt für seine Sache zu erobern. Er verfaßte einen Aufruf „An die Arbeiter Berlins”, ließ ihn in 16000 Exemplaren abziehen und einen Teil davon unentgeltlich unter den Arbeitern Berlins verbreiten. Obwohl der Aufruf sehr wirksam geschrieben ist und namentlich geschickt an die entstellten Berichte der Berliner fortschrittlichen Presse („Volkszeitung” und „Reform”) über die rheinischen Versammlungen anknüpft, war der Erfolg doch zunächst ein sehr bescheidener. Die ersten Versammlungen Lassalles in Berlin fanden in kleineren Sälen statt und gaben zu allerhand Gespött Anlaß, und als in der ersten größeren Versammlung Lassalle auf Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft verhaftet wurde, klatschten fanatisierte Arbeiter sogar dazu Beifall. Die Mehrheit der Personen, die sich als Neugierige oder unter dem Eindruck der Vorträge Lassalles in die Listen hatten einzeichnen lassen, fielen bald wieder ab, so daß der Verein, der Anfang Dezember 1863 es bis auf über 200 Mitglieder in Berlin gebracht hatte, im Februar 1864 kaum noch drei Dutzend Mitglieder zählte, wovon obendrein ein großer Teil Nichtarbeiter waren.