[19] Die Briefe Lassalles an Hans von Bülow sind Mitte der achtziger Jahre im Buchhandel erschienen. (Dresden und Leipzig, H. Minden.) So dünn das Bändchen, so liederlich ist es zusammengestellt. Im Vorwort wird eine Stelle aus einem Brief Heines über Lassalle dem Fürsten Pückler-Muskau zugeschrieben; die Briefe selbst sind nicht einmal chronologisch geordnet, wozu deren Nichtdatierung von seiten Lassalles den Vorwand liefern muß, obwohl bei den meisten aus dem Inhalt das ungefähre Datum leicht festzustellen war. In einem der Briefe ist von „Salingers genialer Komposition” die Rede. Der Herausgeber, der die Briefe von Hans von Bülow selbst erhalten, macht dazu die Note „Arbeiterhymne von Herwegh”. Daß der Name Salinger bzw. Solinger Pseudonym für Hans von Bülow war, wird dagegen nicht einmal angedeutet. Bülow hatte die Komposition des Herweghschen Gedichts unter dem Namen Solinger veröffentlicht.

[20] Wohl ein Druckfehler.

D. H.

[21] Wir haben oben, bei Besprechung des „Italienischen Krieges” gesehen, mit welchem kühlen, gar nicht in die Schablone des „guten Patrioten” passenden Blick Lassalle die Rückwirkung auswärtiger Verwicklungen auf die innere Politik betrachtete. Sehr bezeichnend dafür ist auch eine Stelle in der Schrift „Was nun?”, die schon deshalb hierher gehört, weil Lassalles dort entwickelter Vorschlag tatsächlich nur zwei Lösungen zuließ: Entweder Staatsstreich oder Revolution. Anknüpfend daran, wie unmöglich und unhaltbar die auswärtige diplomatische Stellung der preußischen Regierung wäre, wenn sein Vorschlag befolgt würde, fährt Lassalle fort:

„Daß Keiner von Ihnen, meine Herren, glaube, dies sei ein unpatriotisches Räsonnement. Einmal hat der Politiker, wie der Naturforscher, Alles zu betrachten, was ist, und also alle wirkenden Kräfte in Erwägung zu ziehen. Der Antagonismus der Staaten unter einander, der Gegensatz, die Eifersucht, der Konflikt in den diplomatischen Beziehungen ist einmal eine wirkende Kraft und, gleichviel ob gut oder schlimm, müßte sie hiernach schon unbedingt in Rechnung gezogen werden. Überdies aber, meine Herren, wie oft habe ich Gelegenheit gehabt, in der Stille meines Zimmers bei historischen Studien mir die große Wahrheit auf das Genaueste zu vergegenwärtigen, daß fast garnicht abzusehen wäre, auf welcher Stufe der Barbarei wir, und die Welt im Allgemeinen, noch stehen würden, wenn nicht seit je die Eifersucht und der Gegensatz der Regierungen unter einander ein wirksames Mittel gewesen wäre, die Regierung zu Fortschritten im Innern zu zwingen! Endlich aber, meine Herren, ist die Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen eine Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die Existenz der Nation in sich schlösse. Wenn Sie, meine Herren, die Geschichte genau und mit innerem Verständniß betrachten, so werden Sie sehen, daß die Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so riesenhafte und gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa vorleuchtende sind, daß an der Nothwendigkeit und Unverwüstlichkeit unserer nationalen Existenz garnicht gezweifelt werden kann. Geraten wir also in einen großen äußeren Krieg, so können in demselben wohl unsere einzelnen Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische zusammenbrechen, aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche derselben unzerstörbar erheben das, worauf es uns allein ankommen kann — das deutsche Volk!”

Es ist in diesen Sätzen sehr viel Richtiges enthalten, doch darf man zweierlei nicht vergessen. Erstens, daß, ein so wichtiger Faktor des Fortschritts der Völker die Rivalität der Regierenden sein kann und unzweifelhaft oft gewesen ist, sie doch auch recht oft als ein Faktor im entgegengesetzten Sinne gewirkt, sich als ein Hemmnis des Fortschritts erwiesen hat. Es sei nur an die beiden Gesichter des heutigen Militarismus erinnert. Zweitens, daß ein äußerer Krieg zwar ein großes Kulturvolk nicht aus der Reihe der Nationen auslöschen, es aber doch so wesentlich in seinen Lebensinteressen schädigen kann, daß er immer eine Sache bleibt, die man in Betracht ziehen, aber auf die man nicht spekulieren soll. In dem erwähnten Beispiel tut Lassalle nur das erstere, aber wie der Schlußsatz und seine Briefe zeigen, war er auch zu dem Letzteren sehr geneigt — eine übrigens weit verbreitete, aber darum nicht minder zu bekämpfende Tendenz.

[22] Auf 3428457 selbsttätige Personen in der Landwirtschaft kamen damals in Preußen erst 766180 selbsttätige Personen in der Fabrikindustrie, die Geschäftsleiter und Beamten eingeschlossen.

[23] Ursprünglich hatte es in Rodbertus' „Offenem Brief” geheißen: „Und ich wiederhole, daß ich mir auch von den Produktivassoziationen nicht im Geringsten einen Beitrag zu dem verspreche, was man die Lösung der sozialen Frage nennt.” Auf Wunsch Lassalles wurden aber diese Worte beim Druck fortgelassen, da er der Sache nach eine Wiederholung des in dem Brief vorher Gesagten sei, in dieser scharfen Form aber notwendigerweise „die Arbeiter, wenn sie so schroffen Widerstreit zwischen ihren Führern sehen, entmutigen müsse”. (Lassalles Brief an Rodbertus vom 22. April 1863.)

[24] „Neue Zeit”, Jahrgang 1890/91: „Zur Frage des ehernen Lohngesetzes.” Die so betitelte Abhandlung ist von mir später gesondert in das Buch „Zur Theorie des Lohngesetzes und Verwandtes” (erster Teil der Sammelschrift „Zur Theorie und Geschichte des Sozialismus”, Berlin, Ferd. Dümmler) übernommen worden.

[25] Proudhon selbst hatte die Produktivassoziation Louis Blanc „entlehnt” — richtiger, Louis Blancs Assoziationsplan in seiner Weise umgearbeitet. Lassalles Vorschlag nimmt eine Mittelstellung zwischen Louis Blancs und Proudhons Vorschlägen ein; mit dem ersteren hat er die Staatshilfe, mit dem letzteren die Selbständigkeit der Assoziation gemein.