[Kapitel XIII.]
Stillwater, am 19. September und 7. Oktober 1777.
Nach der Niederlage von Bennington blieb Burgoyne noch beinahe einen Monat in der Umgegend von Fort Edward und hinter der Linie des Battenkill. Diese Zeit wurde benutzt, um Vorräte anzuhäufen und Boote vom Lake Champlain nach dem Lake George zu schaffen. Am 13. September 1777 ging die Armee bei Schuylerville über den Hudson und verliess die rückwärtigen Verbindungslinien um einen kühnen Stoss auf Albany zur Vereinigung mit Sir William Howe zu machen. 180 Boote begleiteten die Armee, deren linke Flanke sich an den Hudson anlehnte. Diese Boote führten für einen Monat Lebensmittel mit sich. »Jetzt fingen wir wieder an in unserem lieben gesalzenen Pökelfleisch und Brot zu arbeiten,« schreibt ein deutscher Offizier. »Liebe Freunde, verachtet diese königlichen Gerichte nicht, die wirklich einen königlichen Preis kosten, denn der Transport von England ist gewiss nicht billig gewesen. Pökelfleisch Mittags und Abends. Pökelfleisch warm und kalt. Freunde! ungeachtet Eurer grünen Erbsen und Krebsschwänze würdet Ihr unser Pökelfleisch mit Ekel angesehen haben, und doch war es für uns ein herrliches Gericht, ohne welches wir umgekommen sein würden; und wenn wir später genug Pökelfleisch gehabt hätten, hätte uns unser Unglück nicht nach Boston geführt.« Während dessen strömten die Amerikaner, ermutigt durch ihren Sieg bei Bennington und ihren Erfolg im Mohawk-Thale, in das Lager von Gates bei Stillwater. Sie hatten keine Uniformen, waren aber zum grössten Teil gut bewaffnet mit Büchsen und Jagdgewehren, welche sie von Jugendzeit an fortwährend geführt hatten. Es wurde Burgoyne am 7. September gemeldet, dass ihrer 14 oder 15000 wären. Da gab es keine andere Wahl als anzugreifen oder den Feldzug aufzugeben.
Die Armee trat ihren Marsch nach Süden in drei Kolonnen an. Die rechte war unter Brigade-General Fraser, dem stürmischen Befehlshaber der leichten Truppen. Das Zentrum wurde von Burgoyne selbst kommandiert, und die linke, am Hudson, von Riedesel. Die britische Armee konnte nur langsam vorgehen wegen der wiederherzustellenden Wege und Brücken. Die Marschleistung betrug durchschnittlich 2 Meilen den Tag. Am Nachmittag des 19. September wurde Burgoynes mittlere Kolonne bei Freeman's Farm, nördlich Stillwater energisch angegriffen. Die Engländer besetzten mit einigen Kanonen ein ausgerodetes Stück Land. Die Amerikaner hatten keine Artillerie. Das Gefecht dauerte den ganzen Nachmittag, und wurde auf beiden Seiten mit grosser Tapferkeit geführt. Gegen Einbruch der Nacht kam Riedesel mit 7 Kompagnien deutscher Infanterie und 2 Kanonen Burgoyne zu Hilfe, griff die rechte Flanke der Amerikaner an und überschüttete sie mit Kartätschen. Die Engländer schlossen sich wieder zusammen und feuerten, und die Amerikaner wurden geworfen, nahmen aber ihre Verwundeten mit und ungefähr 100 Gefangene. Sie hatten ungefähr 320 Mann verloren, die Briten annähernd zweimal soviel. Die Letzteren behaupteten zwar das Feld und mögen daher den Sieg beanspruchen, aber es war ein nutzloser Sieg, den sie nicht im Stande waren auszubeuten. Am 20. fing Burgoyne an seine Stellung zu befestigen. Die Aussicht auf Erfolg war von nun ab nur durch das Zusammenwirken mit der Armee von Süden her bedingt — eine Hilfe, die niemals kam.
Die Deutschen leisteten Burgoyne im Laufe dieses Tages die wichtigsten Dienste. Breymann mit den Grenadieren und der leichten Infanterie zeichnete sich früh am Nachmittag aus, indem er einem englischen Regiment, das im Weichen begriffen war, zu Hilfe kam. Kapitän Pausch von der Hanauschen Artillerie mit seinen zwei Sechspfündern entschieden die Schlacht. Breymann und Pausch wurden beide von Burgoyne öffentlich belobt.
Inzwischen war die Armee ernstlich im Rücken bedroht worden. Oberst Brown, der unter dem Befehl von General Lincoln operierte, hatte einige der Aussenwerke von Ticonderoga mit ungefähr 300 Gefangenen genommen, war aber von dem Haupt-Fort zurückgeworfen worden.
Baronin Riedesel hatte die Armee auf ihrem Marsche begleitet. Sie war ermutigt worden, sagt sie, als sie General Burgoyne hat sagen hören, dass Engländer niemals zurückgingen. Jedoch wurde sie misstrauisch, als sie merkte, dass alle Offiziers-Frauen, die bei der Armee waren, alle Operations-Pläne kannten, und sie erinnerte sich, dass in der Armee des Prinzen Ferdinand im 7jährigen Krieg alles sehr geheim gehalten wurde. Nun aber waren den Amerikanern alle feindlichen Absichten bekannt und sie erwarteten die Engländer, wohin sie sich auch immer wandten.
Frau von Riedesel war Augenzeugin der Schlacht am 19. September und zitterte bei jedem Schuss für das Leben ihres Gemahls. Drei verwundete Offiziere wurden in das Haus gebracht in dem sie wohnte, und einer von ihnen, der Neffe von Leuten, die in England sehr gütig gegen sie gewesen waren, starb wenige Tage darauf an den Folgen einer Operation. Die Baronin konnte seine letzten Seufzer durch die dünne Wand hören.
Der Zustand der Armee wurde bald ein sehr bedenklicher. Die Lebensmittel wurden knapp, Wein und Kaffee schrecklich teuer. Uniformen und Kleider zerrissen in den Büschen und durchweichten bei dem Kampieren auf dem feuchten Boden, und neue konnten um keinen Preis geschafft werden. Das amerikanische Lager, welches man von 12 000 Mann besetzt glaubte, war so nahe, dass man die Trommeln und die Rufe der Soldaten deutlich hören konnte. Der Wald war aber so dicht, dass man es nicht sehen konnte. Die Engländer hatten eine Schiffbrücke über den Hudson gebaut, und es wurden Kundschafter hinübergeschickt, die versuchen sollten, das Lager vom andern Ufer aus einzusehen; dies war aber nicht möglich gewesen.
Ein von Sir Henry Clinton in Geheimschrift geschriebener Brief, der vom 10. September datiert war, langte am 21. an. Clinton kündigte seine Absicht an, in 10 Tagen Fort Montgomery am Hudson anzugreifen. Burgoyne sandte den Boten sofort zurück mit einem Briefe, der in eine silberne Kugel eingeschlossen war, welche Sir Henry direkt eingehändigt werden sollte. Dieser Brief sollte Clinton zur Eile antreiben und ihn veranlassen, eine Diversion zu Gunsten Burgoynes herbeizuführen. Der Bote nahm seinen Weg durch das feindliche Land nach Fort Montgomery, aber hier scheint ihn seine Geistesgegenwart verlassen zu haben. Er soll nämlich amerikanische Truppen für englische gehalten, nach General Clinton gefragt und nicht eher seinen Irrtum gemerkt haben, als bis er — nicht vor Sir Henry, sondern vor den amerikanischen General geführt wurde. Darauf schluckte der Unglückliche die Kugel hinunter, doch wurde ihm ein Brechmittel verordnet, die Depesche wurde gefunden und der Bote als Spion gehängt.