Auf die erste Frage erklärten 14 Offiziere gegen 8, dass ein solcher Traktat ohne Verletzung der Ehre nicht gebrochen werden könne. Über die zweite waren die Stimmen geteilt. Die Verneinenden stützten sich darauf, dass der Überbringer der Nachricht alles nur vom Hörensagen hätte, und dass, selbst wenn General Clinton wirklich in Esopus wäre, die Entfernung von da doch noch so gross sein würde, dass er ihnen in ihrer gegenwärtigen Lage doch nicht mehr helfen könnte. Auf die dritte Frage war die Antwort aller Offiziere vom linken Flügel bejahend; die Offiziere vom Zentrum und rechten Flügel antworteten aber, dass zwar alle Soldaten den grössten Mut bezeigen würden, wenn es zum Angriff des Feindes gehen sollte, dass aber, da ihnen allen das Fehlerhafte ihrer Position zu gut bekannt wäre, zu befürchten stände, sie würden einen feindlichen Angriff nicht ebenso aushalten. Da die braunschweigischen Truppen hauptsächlich das Zentrum und den rechten Flügel einnahmen, so bezieht sich auf diese Erklärung ihrer Offiziere wahrscheinlich eine Bemerkung Burgoynes in einem Privatbrief »die Deutschen entmutigt und bereit, bei dem ersten Feuer die Waffen zu strecken.«
Um doch noch Zeit zu gewinnen, wurde ein letztes Mittel versucht. Burgoyne schrieb nämlich am 16. früh an General Gates einen Brief, worin er ihm erklärte, dass er in der vergangenen Nacht von Deserteuren die Nachricht erhalten habe, dass er, General Gates, einen ansehnlichen Teil seiner Armee nach Albany detachiert hätte und zwar im Laufe der Unterhandlungen; dies wäre ganz gegen Treue und Glauben und er, Burgoyne, würde die Kapitulation nicht eher unterzeichnen, bis sich nicht ein Offizier seines Stabes davon überzeugt haben würde, dass die amerikanische Armee drei bis viermal der englischen überlegen sei. Gates scheint schliesslich dieses Herumführen an der Nase müde geworden zu sein. Er liess als Antwort sagen, dass seine Armee noch dieselbe Stärke wie vorher und sogar noch Verstärkung bekommen hätte; dass er es ebenso wenig für politisch wie vielmehr seiner Ehre nachteilig halten würde, die Stärke seiner Armee einem von General Burgoynes Offizieren zu zeigen, und dass der General wohl bedenken möchte, was er thäte, wenn er sein Ehrenwort bräche; er würde für die Folgen verantwortlich sein. Gates fügte hinzu, dass, sobald die Kapitulation unterzeichnet sein würde, er bereit sei, dem General Burgoyne seine ganze Armee zu zeigen, und er stände mit seiner Ehre dafür, dass er sie viermal so stark als die Britische finden würde, ungerechnet die Truppen, die jenseits des Hudson postiert wären. Er könne aber jetzt nicht mehr länger als eine Stunde Zeit zur Antwort gestatten, und würde nach Verlauf derselben sich genötigt sehen, die strengsten Massregeln zu ergreifen.
Hierauf wurde der Kriegsrat noch einmal zusammenberufen, und Niemand fand sich mehr, der dem General zum Brechen seines Wortes geraten hätte. Burgoyne zog die Generale Phillips und Riedesel allein auf die Seite und bat um ihren freundschaftlichen Rat. Beide schwiegen anfänglich stille, bis endlich der General Riedesel erklärte, dass wenn der General Burgoyne in England zur Verantwortung gezogen werden sollte, er nur für die Bewegungen, die die Armee in eine solche Lage gebracht hätten, verantwortlich sein könnte, und vielleicht wegen der ersten Eröffnung einer Kapitulation und deswegen, weil er nicht frühzeitig genug den Rückzug so weit gemacht, dass man Herr der Kommunikation mit dem Fort George geblieben wäre. Nun aber nach allen gethanen Schritten hielt es Riedesel noch viel gefährlicher, den Tractat auf eine ungewisse und unzuverlässige Nachricht hin zu brechen.
Gleicher Meinung war der Brigadier Hamilton, der hinzu kam und auch darüber befragt wurde. General Phillips sagte nur, dass die Lage der Dinge eine derartige sei, dass er weder Rat noch Hilfe ausfindig machen könne. Nach vielem Überlegen hin und her entschloss sich Burgoyne schliesslich zu unterzeichnen, und hierauf wurde die unterzeichnete Kapitulation an General Gates gesandt.
Es übergaben sich im Ganzen 5791 Mann. Riedesel hat festgestellt, dass nicht mehr als 4000 von diesen dienstfähig waren. Die Zahl der Deutschen, die sich ergaben ist von Eelking auf 2431 festgestellt worden, von denen die getötet, verwundet und vermisst wurden vom 6. Oktober an auf 1122. Der Gesamt-Verlust der Briten und ihrer Hilfstruppen an Toten, Verwundeten, Gefangenen und Deserteuren während dieser Kampagne, einschliesslich der Verluste von St. Legers Expedition, betrug annähernd 9000 Köpfe.
Die Tage, welche der Uebergabe vorausgegangen waren, waren Tage der Verwirrung gewesen. Baronin Riedesel sagt, dass sie am Abend des 9. Oktober in Saratoga, nachdem sie während des ganzen Tages nur eine halbe Stunde zurückgelegt hatten, den General Phillips gefragt habe, warum sie denn den Rückzug nicht fortsetzten, da es doch noch Zeit wäre. Der General bewunderte ihre Entschlossenheit und wünschte, sie hätte den Befehl über die Armee. Dieselbe Dame erwähnt, dass Burgoyne die Hälfte jener verhängnisvollen Nacht singend und trinkend zugebracht und sich mit seiner Maitresse amüsiert habe.
Die Armee war dem Elend und der Unordnung anheim gefallen. Am 10. verpflegte die Baronin mehr als 30 Offiziere aus ihren Privat-Vorräten, »denn wir hatten einen Koch, der, ob er gleich ein Erzschelm war, doch zu allem Rat wusste, und oft des Nachts kleine Flüsse passierte, um den Landleuten Hämmel, Hühner und Schweine zu stehlen, die er sich nachher gut bezahlen liess von uns, wie wir erst in der Folge erfahren haben.« Diese Vorräte waren nun erschöpft, und die Dame in ihrer Verzweiflung rief den General-Adjutanten, der ihr gerade in den Wurf kam, zu sich heran, er möchte Burgoyne über den grossen Mangel, an dem die in Dienst verwundeten Offiziere litten, in Kenntnis setzen. Der kommandierende General nahm dies gut auf, kam selbst zu ihr und dankte ihr, dass sie ihn an seine Pflicht erinnert hätte, und gab Befehl, dass Lebensmittel verteilt werden sollten. Die Baronin glaubte, dass Burgoyne ihr nie diese Einmischung verziehen habe. Es scheint mir, nach den Aufzeichnungen Beider, dass eher sie und ihr Gemahl als Burgoyne einen heimlichen Groll hegten. Die Denkschrift, welche General Riedesel verfasste und von seinen Offizieren gleich nach der Übergabe unterzeichnet wurde, ist eine lange Anklage gegen Burgoyne und legt die üblen Folgen dar, dass man den Schreiber nicht um Rat gefragt oder seine Pläne nicht pünktlich zur Ausführung gebracht habe. Es ist klar, dass Riedesel Burgoyne für das Unglück der Armee verantwortlich machte, das Unglück, welches ihm so zu Herzen ging, dass sein Körper und seine Gemütsstimmung längere Zeit ernstlich darunter litten. Burgoyne schrieb im Frühjahr 1778, bevor er Amerika verliess an den Herzog von Braunschweig und pries Riedesels grosse Fähigkeiten und die Art, wie er die Befehle seines vorgesetzten Offiziers ausgeführt hätte. — Hieraufhin schrieb Riedesel einen sehr freundlichen Brief an Burgoyne, in welchem er ihm in seinem und seiner Offiziere Namen für die ihnen bewiesene Güte dankte. »Wenn auch unsere Bemühungen nicht vom Glück gekrönt worden sind«, fährt er fort, »so wissen wir doch wohl, dass es nicht Ihr Fehler war, sondern dass die Armee ein Opfer der Wechselfälle des Krieges geworden ist.« Dieser einzige Ausdruck des Vertrauens ist mit dem, was Riedesel zu andern Zeiten und an anderer Stelle sagt, nicht in Einklang zu bringen. Die oben erwähnte militärische Denkschrift, die in dem Buch der Baronin veröffentlicht ist, ist ein genügender Beweis dafür. In demselben Sinne sind Riedesels Bemerkungen über Burgoynes Feldzugs-Bericht aufgefasst. Diese Bemerkungen, welche an den Herzog von Braunschweig und an seine Landsleute gerichtet waren, sind datiert Cambridge, 8. April 1778, etwas mehr als einen Monat später als der oben erwähnte Brief. Sie beklagen ausdrücklich, dass General Burgoyne, während er von Riedesel selbst mit Anerkennung spräche, über die Leistungen der Truppen leicht hinwegginge. Die Klagen des deutschen Generals in dieser Beziehung sind aber, Burgoynes Bericht nach, nur wenig gerechtfertigt.
Doch wir müssen zur Baronin zurückkehren. Am Nachmittag des 10. Oktober nahmen die Amerikaner das Feuer auf die Engländer wieder auf. »Mein Mann liess mir sagen, dass ich mich unverzüglich nach einem Hause begeben sollte, welches nicht weit von da war. Ich setzte mich in die Kalesche mit meinen Kindern, und kaum sind wir im Begriff bei dem Hause anzukommen, so sehe ich an dem jenseitigen Ufer des Hudson-Flusses sechs bis sieben Menschen mit Flinten, die auf uns zielen. Fast unwillkürlich werfe ich die Kinder in den Fond der Kalesche und mich über sie; in demselben Augenblick schiessen die Kerle und zerschmettern hinter mir einem armen englischen Soldaten, der schon blessiert war und sich auch nach dem Hause retten wollte, einen Arm. Gleich nach unserer Ankunft begann eine fürchterliche Kanonade, welche grösstenteils nach dem Hause, worin wir Schutz gesucht, gerichtet war, vermutlich weil die Feinde glaubten, da sie viel Leute dorthin strömen sahen, dass die Generalität sich dort befände. Ach, es waren nichts als Verwundete oder Frauen! Wir wurden endlich genötigt, in einem Keller unsere Zuflucht zu nehmen, wo ich mich in eine Ecke unweit der Thür lagerte. Meine Kinder lagen auf der Erde, mit ihren Köpfen auf meinem Schooss. So blieben wir die ganze Nacht. Ein entsetzlicher Geruch, das Geschrei der Kinder, und noch mehr als alles dieses, meine Angst, verhinderten mich ein Auge zuzuthun.
Den andern Morgen ging die Kanonade wieder an, aber von einer andern Seite. Ich riet, dass alle aus dem Keller ein wenig herausgehen möchten, während dessen ich ihn wollte reinigen lassen, weil wir sonst alle krank werden würden. Man folgte meinem Rat und liess von Vielen Hand anlegen, was bei der weitläufigen Arbeit höchst nötig war. Wie alles heraus war, besah ich mir unsern Zufluchtsort; es waren drei schöne Keller, die recht gut gewölbt waren. Ich that den Vorschlag, dass in den einen die am gefährlichsten blessierten Offiziere gebracht werden sollten; die Frauen sollten in dem andern sein, und alle Übrigen in dem dritten, der dem Ausgang am nächsten war.
Ich hatte gut auskehren und mit Essig räuchern lassen, und man fing bereits an, jeder seinen Platz einzunehmen, als neue entsetzliche Kanonenschüsse alles wieder in Alarm brachten. Mehrere, die kein Recht hatten hineinzugehen, stürzten nach der Thüre. Meine Kinder waren schon die Kellertreppe hinunter, und wir hätten Alle können erdrückt werden, wenn Gott mir nicht Kräfte geschenkt hätte, mich vor die Thür zu stellen und mit ausgebreiten Armen allen den Eingang zu verwehren; sonst wäre gewiss jemand von uns zu Schaden gekommen. Elf Kanonenkugeln gingen durchs Haus und wir konnten sie deutlich über unsere Köpfe hinwegrollen hören. Einem armen Soldaten, dem man ein Bein abnehmen wollte und dieserhalb auf den Tisch gelegt hatte, nahm eine Kanonenkugel mittlerweile das andere Bein fort. Seine Kameraden waren alle davon gelaufen, und wie sie wieder zu ihm kamen, fanden sie ihn in einer Ecke der Stube, wo er sich vor Angst hingerollt hatte, und kaum noch athmend. Ich war mehr tot als lebendig, doch nicht so viel über unsere eigene Gefahr, als über die, in welcher mein Mann schwebte, der jedoch oft fragen liess, wie es uns ginge, und mir sagen liess, dass er wohl wäre.