Der Major Harnich und seine Frau, eine Madame Rennels, die schon ihren Mann verloren hatte, die Frau des guten Lieutenants, der den Tag vorher seine Bouillon so gutherzig mit mir geteilt hatte, die Frau des Kommissars und ich, wir waren die einzigen Damen, die bei der Armee waren. Wir sassen eben zusammen und beklagten unser Schicksal, als jemand hereinkam und man sich in die Ohren flüsterte und sich einander traurig ansah. Ich bemerkte dieses und dass auf mich Blicke geworfen wurden, ohne dass mir weiter etwas gesagt ward. Dieses erweckte in mir den schrecklichen Gedanken, dass mein Mann geblieben sei. Ich schrie laut auf; man versicherte mich aber, dass dieses nicht sei, sondern winkte mir zu, dass den Mann der armen Lieutenantin dieses Unglück betroffen habe. Diese wurde auch einen Augenblick nachher herausgerufen. Der Mann war noch nicht tot, aber eine Kanonenkugel hatte ihm den Arm oben an der Schulter weggenommen. Wir hörten die ganze Nacht sein Winseln, welches doppelt und desto grausender in diesen Kellergewölben wiederhallte; und der Arme starb erst gegen Morgen. Wir brachten übrigens diese Nacht wie die vorige zu. Indessen kam mein Mann, mich zu besuchen, welches meinen Kummer linderte und mir wieder Mut gab.
Den Morgen darauf fingen wir an, uns ein wenig besser einzurichten. Der Major Harnich und seine Frau und Madame Rennels machten sich in einer Ecke eine kleine Stube und Gardinen davor. Man wollte mir eine andere Ecke ebenso zurecht machen, ich zog aber vor, nahe an der Thür zu bleiben, da ich auf den Fall von Feuersgefahr daselbst eher herauskonnte. Ich liess eine Streu machen und legte meine Betten darauf, wo ich mit meinen Kindern schlief, nicht weit von uns schliefen meine Frauen. Gegenüber waren drei englische Offiziere einquartiert, die, zwar blessiert, jedoch entschlossen waren, im Fall des Rückzuges nicht zurückzubleiben. Einer derselben war ein Kapitain Green, Adjutant des Generals Phillips, ein sehr schätzbarer und artiger Mann. Alle drei versicherten mich mit einem Eide, dass sie im Fall eines schleunigen Rückzuges mich nicht verlassen und ein jeder von ihnen eines meiner Kinder mit auf sein Pferd nehmen wollte. Für mich stand eines von meines Mannes Pferden immer gesattelt bereit. Öfters war mein Mann Willens, mich, um mich der Gefahr zu entziehen, zu den Amerikanern zu schicken; ich stellte ihm aber vor, dass es noch ärger als alles, was ich jetzt ausstehen müsste, sein würde, mit Leuten zu sein, denen ich mit Schonung würde begegnen müssen, während dass mein Mann sich mit ihnen herumschlüge; er versprach mir also, dass ich ferner der Armee folgen sollte. Manchmal bekam ich jedoch in der Nacht die Angst, dass er fortmarschiert wäre, und kroch aus meinem Keller, um zuzusehen; wenn ich dann die Truppen in den schon kalten Nächten um die Feuer herumliegen sah, so konnte ich wieder ruhiger schlafen.
Auch die mir anvertrauten Sachen verursachten mir viel Unruhe. Ich hatte sie alle vorne in meinem Corset stecken, weil mir immer so sehr angst war, etwas davon zu verlieren, und ich nahm mir fest vor, in Zukunft mich nicht mehr mit dergleichen zu befassen. Den dritten Tag fand ich erst Gelegenheit und einen Augenblick, um die Wäsche zu wechseln, da man die Gefälligkeit hatte, mir einen kleinen Winkel hierzu einzuräumen; während der Zeit standen meine drei vorerwähnten Offiziere nicht weit davon Schildwache. Einer dieser Herrn konnte sehr natürlich das Brüllen einer Kuh und Blöken eines Kalbes nachahmen: und wenn meine kleine Tochter Fritzchen des Nachts weinte, so machte er es ihr vor, sie ward wieder stille und wir mussten lachen.
Unser Koch verschaffte uns Essen, aber es fehlte uns an Wasser; und ich war öfters genötigt, um nur den Durst zu löschen, Wein zu trinken und auch den Kindern welchen zu geben. Es war auch fast das einzige, was mein Mann zu sich nahm; welches endlich unsern treuen Jäger Rockel ängstigte, so dass er mir eines Tages sagte: »Ich befürchte, dass der General aus Besorgnis, in Gefangenschaft zu geraten, des Lebens überdrüssig ist, weil er so viel Wein trinkt.« Die beständige Gefahr, in welcher mein Mann schwebte, setzte mich in ewige Angst. Ich war die einzige unter allen den Frauen, deren Mann nicht geblieben war oder sonst ein Unglück gehabt hatte, und sagte mir daher oft: »Sollte ich die einzige Glückliche sein?« besonders, da mein Mann Tag und Nacht so sehr der Gefahr ausgesetzt war. Er kam keine Nacht in das Zelt und lag alle Nächte draussen beim Wachtfeuer. Das alles konnte schon sein Tod sein, da die Nächte so nasskalt waren.
Da so grosser Mangel an Wasser bei uns war, so fanden wir endlich eine Soldatenfrau, die den Mut hatte, Wasser vom Flusse zu holen, was keiner mehr unternehmen wollte, weil der Feind alle Männer, die nach dem Flusse gingen, auf den Kopf schoss. Dieser Frau thaten sie nichts aus Achtung vor ihrem Geschlecht, wie sie uns selbst hernachmals sagten.
Ich suchte mich dadurch zu zerstreuen, dass ich mich viel mit unsern Blessierten beschäftigte. Ich machte ihnen Thee und Kaffee und bekam dagegen tausend Segenswünsche. Oft teilte ich auch mein Mittagsessen mit ihnen. Eines Tages kam ein canadischer Offizier in unsern Keller, der sich kaum noch aufrecht erhalten konnte. Wir kriegten endlich von ihm heraus, dass er fast Hungers stürbe. Ich fand mich sehr glücklich, ihm mein Essen anbieten zu können, welches ihn wieder zu Kräften brachte und mir seine Freundschaft erwarb. Bei unserer nachmaligen Zurückkunft nach Canada lernte ich seine Familie kennen. Eine unserer grössten Beschwerden war der Geruch der Wunden, wenn sie anfingen zu eitern.
Einst unternahm ich die Kur eines Majors Plumfield, Adjutanten des Generals Phillips, dem eine kleine Flintenkugel durch die beiden Backen gegangen war und ihm die Zähne zerschmettert und die Zunge gestreift hatte. Er konnte gar nichts im Munde behalten; die Materie erstickte ihn fast, und er war nicht im Stande, andere Nahrung zu sich zu nehmen als ein wenig Bouillon oder sonst etwas Flüssiges. Wir hatten Rheinwein. Ich gab ihm eine Bouteille, in der Hoffnung, dass die Säure des Weines seine Wunde reinigen würde. Er nahm immer etwas davon in den Mund, und das allein that so glückliche Wirkung, dass er geheilt wurde, wodurch ich wieder einen Freund mehr bekam. Und so hatte ich mitten in meinen Leiden- und Kummerstunden Augenblicke freudigen Genusses, die mich sehr glücklich machten.
An einem dieser Tage wünschte General Phillips mich zu besuchen und begleitete meinen Mann, der täglich ein- oder zweimal mit Gefahr seines Lebens zu mir kam. Er sah unsere Lage und hörte mich meinen Mann flehentlich bitten, mich im Fall eines schleunigen Rückzuges nicht zurückzulassen, er redete mir selbst das Wort dabei, wie er meinen grossen Widerwillen sah, in den Händen der Amerikaner zu sein. Beim Weggehen sagte er zu meinem Manne: »Nein, um zehntausend Guineen komme ich nicht wieder hierher, denn mein Herz ist ganz zerrissen.«
Indessen verdienten nicht alle, die bei uns waren, Mitleid. Es waren auch Feige darunter, die um nichts in dem Keller blieben und nachmals, als wir in die Gefangenschaft gerieten, sich recht gut in Reihe und Glied stellen und paradieren konnten. Wir blieben sechs Tage in dieser schrecklichen Lage. Endlich sprach man von Kapitulieren, da man zu lange gezaudert hatte und der Rückzug nun abgeschnitten war. Es wurde ein Waffenstillstand gemacht, und mein Mann, der ganz erschöpft war, konnte in dem Hause zum erstenmal seit geraumer Zeit sich wieder einmal zu Bett legen. Damit seine Ruhe gar nicht gestört wurde, hatte ich ihm in einer kleinen Stube ein gutes Bett machen lassen und legte mich mit meinen Kindern und meinen beiden Frauen in einem Saal daneben schlafen. Aber ungefähr um 1 Uhr in der Nacht kam jemand und verlangte ihn zu sprechen. Mit dem grössten Widerwillen sah ich mich genötigt, ihn aufzuwecken. Ich bemerkte, dass ihm die Botschaft nicht angenehm war, dass er den Mann sogleich nach dem Hauptquartier abfertigte und sich dann verdriesslich wieder niederlegte. Bald darauf liess der General Burgoyne alle andern Generale und Stabsoffiziere zu einem Kriegsrate, der gleich am frühen Morgen abgehalten werden sollte, zusammenberufen, in welchem er auf einen erhaltenen falschen Bericht vorschlug, die Kapitulation zu brechen, die bereits mit dem Feinde gemacht worden. Es wurde aber endlich entschieden, dass dieses weder thunlich noch ratsam sei; und dieses war ein Glück für uns, denn die Amerikaner sagten uns nachher, dass, wenn wir die Kapitulation gebrochen, wir alle massakriert worden wären, welches sie desto leichter thun konnten, da wir nicht über 4 bis 5000 Mann stark waren und wir ihnen Zeit gelassen hatten, über 20 000 zusammen zu bringen.
Am 16. Oktober des Morgens musste mein Mann wieder auf seinen Posten und ich nochmals in meinen Keller.