„Die beiden ersten herauf!“
Nach etwa einer Minute: „Die beiden nächsten herauf.“ Und so fort. Oben wurden alle eingehend nach Ungeziefer untersucht. Von Zeit zu Zeit hörte man von oben Schimpfen und Protestieren, und dann kam immer ein Obdachloser wieder die Treppe herunter: Man hatte bei ihm das Gesuchte gefunden ... Das Tor öffnete sich und der Paria ward entlassen. Ich war mit dem hungernden Handlungsdiener im Paar. Man fand nichts bei mir, und meiner Aufnahme stand nichts im Wege. Man wies mir ein Bett an.
In einem kleinen Zimmer, in dem vier Betten standen, wurde ich einquartiert. Meine Zimmergenossen zogen ihre Stiefel aus und nahmen je ein Paar der harten Lederpantoffeln, die auf dem Eisenofen lagen. Ich zog gleichfalls die „Batschkoren“ an, setzte mich aber dabei auf das Bett. Das war ein Fehler, denn ein zufällig in das Zimmer tretender Angestellter des Hauses fragte mich sofort, ob ich eigentlich glaube, daß ich im Spital sei. Ich vermutete, daß dies eine rhetorische Frage sei, und beantwortete sie nicht. Damit gab sich der Asylbedienstete nicht zufrieden.
„Du bist aber ein Häuschen“ (hajzl), meinte er. Was er damit sagen wollte, weiß ich nicht, aber ich vermute, daß dies ein Schimpfwort gewesen sei, da er gleich darauf die Mitteilung hinzufügte, daß ich ein „Bastard“ (parchant) sei. Diese Angabe ist unrichtig; doch der Asylbedienstete konnte sich ja irren. Wieso er aber von mir behaupten konnte, daß ich ein „Lausbub“ (všivák) sei, während doch die unmittelbar vorhergegangene Untersuchung vollständig negativ verlaufen war, ist mir unverständlich. Trotzdem habe ich es unterlassen, den Asylmann zu kontrahieren. Für einen künftigen Ehrenrat, der mich eventuell dafür zur Verantwortung ziehen würde, daß ich grundlose Beschuldigungen nicht mit der ritterlichen Forderung durch die Waffe beantwortet habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß meine Kartellträger in das Asylhaus überhaupt nicht eingelassen worden wären, da man eines Arbeitsbuches oder des Nachweises einer Gewerbeausübung unbedingt zum Eintritte bedarf.
Der Asylbedienstete, dessen Groll ich mir zugezogen hatte, kam nach einer Pause von etwa zehn Minuten wieder in unser Zimmer. Diesmal war seine Mission viel sympathischer. Er legte jedem von uns ein Stück Brot auf das Bett und bestimmte dann zwei von uns zum Holen der Suppe. Ich — war ich doch sein Feind! — war einer von den zweien. So ging ich denn mit meinem Arbeitsgenossen die Stiegen hinunter in den ebenerdig gelegenen Küchenraum. Hier stand ein Holztablett für uns bereit, das mit fünf gefüllten Blechtassen beladen war: die Suppe. Wir beförderten die Ladung in unser Zimmer. In den Blechtassen stak kein Silberlöffel, sondern bloß ein schlichter Zinnlöffel, was wohl der Grund dafür gewesen sein mag, daß jeder meiner Zimmergenossen den Gebrauch des Löffels verschmähte und den Inhalt direkt aus der Schale trank. Ich verkostete einen Löffel und erfüllte dann das Versprechen, dem hungrigen Handlungsdiener meine Suppenportion zu schenken, leichten Herzens. Leichten Herzens, weil mich die ungewohnte Auftischung des Kuverts beeinflußt hatte. Den anderen aber schmeckte die Suppe ganz famos, wie an ihren behaglichen Mienen zu erkennen war.
Ich benützte die Souperpause, um in den Räumen des Asyls Umschau zu halten. Einzelne Zimmer waren doppelt so groß wie das unsrige und beherbergten dementsprechend die doppelte Anzahl von Betten. Im ganzen sind in den beiden Stockwerken, die für die Männer bestimmt sind, 78 Betten untergebracht. Es sind eiserne Kavalets, die einen Strohsack, einen Roßhaar-Kopfpolster, eine benähte Drillichdecke und ein ziemlich reines Leintuch enthalten. Überhaupt herrschte auf den Wänden und Fußböden der Schlafsäle, auf den Gängen, Stiegen und auf der die ganze Front umgebenden Pawlatsche eine peinliche Sauberkeit — kein Wunder bei der eisernen Disziplin, über die ich kurz vorher in so energischer Weise belehrt worden war.
Als die Suppe verzehrt und die Holztasse samt den Suppennäpfen unter meiner Mitwirkung wieder in die Küche getragen worden war, setzten wir uns auf die Stühle, und es begann die Konversation. Schon die Art des Bekanntwerdens war eine viel bessere, als sie in der Gesellschaft üblich ist. In den Salons geschieht die Vorstellung durch eigene Initiative, sie ist aufdringlich, jeder gleichgültige Mensch stellt sich jedem gleichgültigen Menschen vor und nennt seinen gleichgültigen Namen, der überhaupt nicht verstanden wird. Im Asyl fragt einer den anderen: „Was für einen Beruf hast du?“ Mit der Antwort ist alles Wissenswerte über den Schlafgenossen gegeben. Nach dem Namen wird nicht gefragt. Namen sind Schall und Rauch.
Ich erfuhr, daß mein Bettnachbar zur Linken ein Kanalräumer, beziehungsweise ein Kutscher sei, der nur in den letzten vierzehn Tagen mangels anderer Beschäftigung der Prager Gemeinde nächtlicherweile beim Entleeren der Kanäle behilflich gewesen, aber gerade tags vorher wegen allzu großer Trunkenheit im Dienst entlassen worden war. Er war übrigens nicht bös darüber: „Länger als vierzehn Tage bin ich ohnedies seit zehn Jahren in keiner Stadt gewesen.“
Das Bett zu meiner Rechten hatte mein neuer Freund, der Handlungsdiener inne, links von dem Kanalräumer war ein Zuckerbäckergehilfe aus Hartburg bei Graz, der von dort geradewegs zu Fuß nach Prag gekommen war. Bei diesem kam ich durch ungeschickte Beantwortung seiner Fragen in den Verdacht ein Protz zu sein. Er fragte mich nämlich, ob ich schon in Hamburg gewesen sei und ich bejahte.
„Wie ist’s dort im Asyl?“