Um 9 Uhr verlosch das Gaslicht. Ich benützte die Dunkelheit, um mich in Kleidern auf das Bett zu werfen. Während der Nacht schloß ich kein Auge. Rechts neben mir schnarchte der postenlose Geschäftsdiener wie ein Lokalbahnzug, links neben mir stieß der Kanalräumer in seinem alkoholschweren Schlaf wüste Drohungen gegen irgend ein Mädel aus, von dem er träumte. Aus dem Nebenzimmer drang in Intervallen von je zwei Minuten ein Husten herein, als ob der Mann zu ersticken drohe. Es dauerte lange, lange bevor es sechs Uhr wurde. Endlich aber schrillte eine Glocke: Reveille. Alles kleidete sich an und machte das Bett zurecht. Bald darauf kam der Aufseher und besah das Werk kritischen Auges. Hier fand er die Decke zu wenig geglättet, dort war das Leintuch unten zusammengefaltet, statt unterhalb des Kopfpolsters. Schließlich verließ er uns, um auch die Nachbarräume mit seiner Inspektion zu beehren. Als er wiederkam, legte er jedem von uns einen „Pandur“, einen runden Wecken, auf das Bett und wir durften wieder Suppe holen.

Nach einer halben Stunde ertönte ein lauter Ruf des Asylvaters: „Magazin!“ Das war das Aviso für die Obdachlosen, sich um den bis dahin versperrten Schrank zu scharen und daraus die Ranzen und Kofferchen in Empfang zu nehmen, die sie hierher in Verwahrung gegeben hatten. Um 7 Uhr wurde das Tor geöffnet und der Strom der Obdachlosen mündete wieder in die Stadt. Der Doppelposten der Polizei stand wieder da und schaute uns mißtrauisch an.

Die meisten der Obdachlosen begaben sich zunächst in die Arbeitsvermittlungsanstalt im „Alten Gericht“, dann in jene von Žižkow. Ohne das Visum dieser beiden Institute finden sie anderswo weder eine Genossenschaftsunterstützung, noch Aufnahme im Asyl. Ich schlich mich wieder in das Haus in der Sametzgasse, in dem mein Freund wohnte. Der Hausbesorger und die Hausbewohner, die mir begegneten, blickten mir mit unverhohlenem Mißtrauen nach, bis mir die Wohnungstüre geöffnet wurde. Nun restaurierte ich mich so weit, um kein Refus von seiten eines Droschkenkutschers erwarten zu müssen und fuhr dann nach Hause. Hier angekommen, telephonierte ich ins Bureau, daß ich wegen Unwohlseins fernbleiben müsse. Ich gedachte einen langen Schlaf zu tun. Vorher habe ich aber noch gründlich gebadet — eine Tatsache, die zwar selbstverständlich ist, die ich hier aber im Interesse meiner nicht obdachlosen Bekannten doch hier besonders registrieren will.

Das Lied vom Kanonier Jaburek

An den Korridorwänden in den Kasernen hängen Schlachtenbilder, Porträts ruhmreicher Feldherren, Gedenktafeln für gefallene Soldaten des Regiments. Alles in schönen Rahmen. Dann hängt noch in jedem Kompagniegang ein „Verzeichnis der Gastlokale, deren Besuch der Mannschaft untersagt ist“. Diese Tafeln haben den schönsten Rahmen. Mit Recht. Denn in Friedenszeiten kann der Soldat seinen kriegerischen Sinn und seine persönliche Tapferkeit nirgends so gut erweisen, wie in den Wirtshäusern. Und in den „Gastlokalen, deren Besuch der Mannschaft untersagt ist“, wurde eben dieser kriegerische Sinn und diese persönliche Tapferkeit ruhmreich erprobt. Also ist es nur löblich, daß dieses Verzeichnis der Kriegsschauplätze und Schlachtfelder kostbar eingerahmt wird.

Die Schlachten werden manchmal gegen Zivilisten geführt. Diese sind aber verächtliche Gegner. Sie haben keine Waffen. Man wirft die Kerle einfach hinaus, und gut ist’s.

Ernster ist es schon, wenn sich zwei Teile unserer Armee, jener, der dem Reichskriegsminister, und jener, der dem Landesverteidigungsminister untersteht, wacker bekriegen. Wer nie einen Fernkampf der Biergläser, oder einen Nahkampf der Ohrfeigen mitgemacht hat, der sich zwischen den Angehörigen der Landwehr und jenen des Heeres entsponnen hat, der kennt Euch nicht, Ihr himmlischen Mächte, die Ihr von Zeit zu Zeit die Militärbehörden veranlaßt, das Verzeichnis der verbotenen Gastlokale um eine neue Nummer zu bereichern.

Ob es nun bei Trunk oder Tanz ist — immer kommt die Rivalität zwischen den Teilen der Wehrmacht zum Ausdruck, immer ist diese in zwei Gruppen gespalten. Ja, selbst wenn eines jener Soldatenlieder, deren Absingung im Felde die Offiziere nur nach Gewaltmärschen nachsichtig und stillschweigend dulden, im Wirtshause angestimmt wird, stört die friedliche Gruppe durch ein anderes Lied die Harmonie der Stimmen. Nur eine Ausnahme gibt es: Das Lied vom Kanonier Jaburek. Zu dessen Gesang vereinigen sich Landwehrmänner mit Heeressoldaten, die Träger der schwarzen mit jenen der grauen Mützen, Infanteristen und Sanitätssoldaten, die Soldaten, die Wunden schlagen, und die Soldaten, die Wunden lindern, die Pioniere, die im Kriege Bauten errichten, und die Artilleristen, die im Kriege Bauten zerstören. Es ist ein hochheiliger Kantus.

Die einmütige Ehrung, die dem Liede zuteil wird, ist ein Beweis von Sinn für kriegerische Heldentaten. Denn der Kanonier Jaburek, über dessen Persönlichkeit leider weder das deutsche, nach das tschechische Konversationlexikon etwas zu verzeichnen wissen, ist ein Mann, gegen den die anderen Helden der Kriegsgeschichte aller Zeiten und Völker ein Nichts darstellen. Der vielbesungene Leonidas zum Beispiel hat bei der Verteidigung des Engpasses von Thermopylae — wie ein zeitgenössisches Marterl meldet — nicht anders gehandelt, als „wie das Gesetz es befahl“. Aber der Kanonier Jaburek! Wo steht im Wehrgesetz geschrieben, daß jemand, dem der Kopf wegfliegt, sich noch entschuldigen muß, daß er seine Hände nicht salutierend an den Kopf legen könne, wo steht im Exerzierreglement, daß jemand ... aber dem Liede sei nicht vorgegriffen.