Inzwischen hat sich Adalbert entfernt, und der Gast nimmt das „Amtsblatt zur Prager Zeitung“ zur Hand, dieses zweisprachig gedruckte Blatt, in dem der Amtsschimmel alltäglich die hohe Schule reitet. Aber unser Freund interessiert sich weder für den Humor der Tatsache, daß der seit „hundertsechzig Jahren abgängige Mathias Struck“ aufgefordert wird, sich binnen sechs Wochen zu melden, widrigenfalls er todeserklärt wird, er interessiert sich nicht für den Aufruf an die Erben „des mit Hinterlassung eines Vermögens von 23⅓ Hellern ohne Hinterlassung einer letztwilligen Anordnung verstorbenen konzessionierten Drehorgelspielers Josef Horčička“, er beachtet auch die Rubriken „Erledigungen“, „Konkursausschreibungen“, „Kundmachungen“, „Proklamierung alter Satzposten“, „Anlegung neuer Grundbücher“, „Amortisationen“, „Kuratelsverhängungen“ und „Erkenntnisse“ nicht, sein Blick bleibt an der Rubrik „Feilbietungen“ haften, in der am Schluß nach den langatmigen Ankündigungen der freihändigen Verkäufe von Realitäten, Liegenschaften, Häusern, Mühlen und Fabriken, die Nachricht über „Feilbietungsedikte“ stehen. Die liest er eifrig und schreibt in sein Notizbuch mit den schwarzen Wichsleinwanddeckeln von Zeit zu Zeit etwas ein. Nicht alles. Die Feilbietungen, die in der öffentlichen Auktionshalle im Landesgericht abgehalten werden, braucht er nicht zu vermerken, dort ist er ohnedies an jedem Freitag. Ebenso weiß er genau, daß fast immer am Freitag nach dem Zehnten jedes Monates die Versteigerung der verfallenden Pfänder des staatlichen Leihhauses stattfindet. Was ihn aber interessiert, ist das Datum der Auktionen in den acht privaten Pfandleihanstalten und Datum, Hausnummer und Warengattung der Geschäfte und Wohnungen, in denen exekutive Feilbietungen vorgenommen werden.

Während in dem Notizbuche Ziffern und Adressen verzeichnet werden, kommt ein neuer Gast in das Café und setzt sich mit stummen Gruß zum ersten. Der Angekommene zieht einen Karton mit Goldinuhren aus der Tasche — Fabriksware, die wegen kleiner oder wegen großer Fehler nicht mit der Firmamarke versehen und nur an Ramscher abgegeben wird. Der neue Gast will die Uhren hier nicht verkaufen, er weist sie seinem Kollegen nur zur Begutachtung vor.

„Sechs Kronen per Stück,“ schätzt der.

„Fünf,“ lächelt der andere, zufrieden darüber, daß sein Branchegenosse die Uhren überschätzt hat, und ermutigt, zieht er nach und nach sein ganzes Warenlager hervor: Ein Paar Brillantohrgehänge aus der Westentasche, einen Similiring vom Finger, eine Damenuhr mit Rauten aus der Hosentasche.

Inzwischen ist es neun Uhr geworden. Die beiden brechen auf.

„Wohin gehst du?“, fragt der zuerst Angekommene den andern.

„Ich geh’ ins Geschäft. Und du?“

„Ich geh’ zum General.“

So trennen sie sich. Der eine also geht „ins Geschäft“, was aber durchaus nicht soviel bedeutet wie „ins Geschäftslokal“. Ein solches hat er nicht. Er geht nur zu seinen Kundschaften, zu Tandlern, Privatpersonen und Gästen der kleinen Kaffeehäuser, denen er seine Schmucksachen aufschwatzt.

Der andere geht „zum General“, d. h. in das Landesgerichtsgebäude an der Ecke des Obstmarktes und der Zeltnergasse, das so heißt, weil es früher das Generalkommando von Prag war und als solches traurige Berühmtheit erlangte, als am 12. Juni 1848 ein Schuß durch das Fenster die Gemahlin des Feldmarschalls Alfred Fürsten Windischgraetz, Fürstin Maria Eleonore Windischgraetz-Schwarzenberg (die Großmutter des jetzigen Herrenhauspräsidenten Fürsten Alfred Windischgraetz), tötete. In den ebenerdigen Räumen des alten Generalkommandogebäudes, die ehedem als Wachzimmer und Stallungen verwendet wurden, ist heute außer dem Depositenamt, seit dem Jahre 1900 auch die gerichtliche Auktionshalle untergebracht. Die ist das Ziel des Kaffeehausbesuchers, der „zum General“ geht.