Die Fachleute in Partiewaren und Gelegenheitskäufen behaupten, daß hier nichts besonderes zu holen sei. Sie begründen es mit der Tatsache, daß sich die in Geldnot befindlichen Leute absichtlich die für sie wertlosen oder unbrauchbaren Mobilien pfänden lassen, um sie in der Auktionshalle zu besseren Preisen loszuwerden. Wird bei der Lizitation nicht der Preis geboten, den der Eigentümer den gepfändeten Sachen beimißt, so hat er — vorausgesetzt, daß er pfiffig ist — noch immer Mittelchen genug, den Preis in die Höhe zu lizitieren oder die Sachen selbst zu erstehen.
Um dieser und anderer Mittelchen willen, und weil dort hie und da doch etwas Preiswertes zur Versteigerung gelangen könnte, sind doch zahlreiche Fachmänner da. Vor allem die Mitglieder des „Chabrus“. Diese Körperschaft wird man vergeblich in den Registern der Vereinspolizei suchen und auch im Staatswörterbuche findet man diesen Namen nicht. Das Wort „Chabrus“ ist eine Verstümmelung des hebräischen Ausdruckes „Chawroßo“, d. i. Freundschaft. Und ursprünglich ist auch der „Chabrus“ eine geheime jüdische Einkaufsgenossenschaft und gleichzeitig eine Art Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gewesen, dem die Althändler und Trödler des Ghettos angehörten. Als sich aber die Tore des Ghettos öffneten, da wurde die Idee des Chabrus eine interkonfessionelle, und mit der politischen Geschichte dieses Landes ist der Chabrus verknüpft, den — — die ältesten Adelsgeschlechter Böhmens im Jahre 1872 gegründet hatten. Das war nach dem Sturze des Ministeriums Hohenwart. Der Landtag war aufgelöst worden, und zwischen den beiden Gruppen des Großgrundbesitzes, die damals noch kein Wahlkompromiß hatten, entspann sich ein heftiger Wahlkampf, der zugleich ein Kampf um die Majorität im Landtag war. Da wurden denn Banken gegründet, um zur Wahl berechtigende landtäfliche Güter zu kaufen, da traten die Besitzer zweier oder mehr solcher Güter eines an dritte Personen ab, da gab es Güterkäufe und Güterteilungen in Masse, beide Gruppen überboten einander, bis schließlich die Verfassungstreuen den Sieg über die Konservativen davontrugen. Aber manche Gesetzesbestimmung über die Wahlen in den österreichischen Landtag wurde nach den Lehren geändert, die man aus dem „Chabrus“ der Ära Auersperg gezogen hatte.
So nobel ist der Chabrus der Prager Kleinhändler freilich nicht. Er war wohl ursprünglich eine Schutzorganisation für die eigenen Mitglieder, die falliert hatten und deren Lager versteigert wurde. Ein anderer der Genossenschaft erstand einfach die lizitierten Waren zum Mindestanbot, der etwa nur ein Drittel des Schätzungswertes ausmachte, ohne daß er von den anderen gesteigert worden wäre. Kam aber ein Unbeteiligter zur Lizitation und beteiligte sich an dieser, so wurde er so in die Höhe lizitiert, daß er entweder einen ganz famosen Preis für die Waren des falliten Chabrus-Bruders zahlen mußte, oder die Lust an weiterer Beteiligung verlor. Außerdem erschienen die Chabruser oft in so großen Massen in den kleinen Geschäftslokalen, in denen die Lizitationen stattfanden, daß ein „Unberufener“ gar nicht hinein konnte — ein Manöver, das durch Errichtung der gerichtlichen Auktionshalle eine wesentliche Einschränkung erfahren hat.
Im Laufe der Jahre erstreckte der Chabrus sein Tätigkeitsgebiet auch auf Auktionen von Lagern, die nicht seinen Mitgliedern gehörten. Die Waren wurden von der Kassa gekauft und dann im Kreise der Mitgliedschaft weiter versteigert. Nutzen und Schaden trug die gemeinsame Kassa. Der Chabrus verlor seine feste Struktur, er teilte sich nach den Branchen in verschiedene Teile und büßte schließlich ganz den Charakter einer einheitlichen Organisation ein. Heutzutage wird gewöhnlich nur ad hoc im Lizitationslokale ein Chabrus gegründet und nur bei den Pretiosenversteigerungen im k. k. Leihamte sind die beiden Konkurrenz-Chabruse des Herrn Franz und des Herrn Široky der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht.
In der gerichtlichen Feilbietungshalle sind auch die räumlichen Verhältnisse schlecht. Der Lizitationsleiter steht nicht in der Mitte der Längsseite, sondern der Breitseite des Saales. Also können sich nur wenig Leute herandrängen, und die Mehrzahl sieht von der lizitierten Ware nichts, trotzdem der Saal leicht ansteigend gebaut ist. Nur durch das Gäßchen, das von Barrieren eingesäumt wird, und deren Eingang ein Wachmann streng bewacht, kann man hie und da einen Blick nach den Schätzen auf dem Auktionstische werfen.
Die Halle ist niedrig und der Geruch von Karbol und anderen Substanzen, mit denen die gepfändeten Gegenstände desinfiziert worden sind, erfüllt die Luft.
Da ist die Auktionshalle im staatlichen Versatzamte in der Leihamtsgasse viel moderner und eleganter. Ein glasgedeckter Lichthof von kolossaler Breite. Also kann sich alles in die Nähe des Lizitationsleiters drängen, alles kann die zu versteigernden Sachen aus nächster Nähe betrachten, alles kann sich mit absichtlich gewählten oder zufälligen Nachbarn über die Umwertung aller Werte, die hier feilgeboten werden, unterhalten, alles kann mitsteigern, mitstreiten, mitschreien ...
Der Schätzer wirft ein Paket auf den Tisch und der Ausrufer schreit tschechisch in den Saal:
„Ein Havelock, vier Messer und eine Decke: 13 Kronen.“
„Zehn,“ ruft jemand aus dem Publikum.