Karl bleibt die Antwort nicht schuldig: „Ganz richtig. Du kannst ihn ruhig kaufen.“
Das nächste Stück, das der Ausrufer in die Höhe hebt, erweckt scheues, ehrfurchtsvolles Murmeln. Ein Beamtenmantel ist es, mit bordeauxroten Passepoils. Selbst der Schätzer muß Hochachtung vor diesem Sinnbild der Staatsgewalt empfunden haben, als es versetzt wurde. Er hat nicht weniger als achtundzwanzig Kronen darauf geliehen, denn 28 K 40 h (geliehenes Kapital + Interessen + Lizitationskosten) sind heute der Ausrufspreis.
„Das ist ein Mantel von der Polizei,“ flüstert jemand einem andern zu.
Aber der andere weiß es besser, denn er steht sozusagen bei sich selbst als agent provocateur in Diensten. Bei den Bummelkrawallen hat er Polizisten gegen Exzedenten und Exzedenten gegen Deutsche gehetzt, und stand einmal als Angeklagter, einmal als Kläger vor der Barre des Strafgerichtes. Er ist Nationalsozialist und Sozialdemokrat, Stammgast der Meetings und im Schwurgerichtssaal und niemals fehlt er bei Auktionen. Er schreit mit, wenn sich zwei Personen darüber streiten, wer von ihnen das Meistangebot getan hat, wem von ihnen das abschließende Glockenzeichen galt. Er schreit empört, wenn sich jemand in das Gäßchen stellt, das den Zugang zum Auktionsleiter bildet und freizubleiben hat. Er schreit und hetzt — aber sonst beteiligt er sich an den Geschäften nicht. Er braucht nur den Nervenkitzel. Doch kehren wir zu dem Gespräch zurück:
„Der Mantel muß nicht von der Polizei sein,“ sagt der Amateur-Lockspitzel, „der kann auch einem Statthaltereibeamten gehören.“
Der andere, ein kleiner tschechischer Trödler aus der Fabriksvorstadt will das nicht glauben. „Alle Polizeibeamte haben doch solche dunkelrote Aufschläge! Und zwei Behörden können doch nicht gleiche Farben haben. Und es ist ein sehr feiner Mantel, der ist sicher von der Polizei!“
„Sie, Gescheiter!“, lacht der Fachmann. „Die Statthalterei ist doch mehr wie die Polizei, das ist doch die höhere Instanz.“
Aber der kleine Trödler murrt nur ungläubig und unwillig: „Jo, jo, sagen sie vielleicht auch noch, daß die Verzehrungssteuer mehr ist als die Polizei!“ Dann dreht er sich um. Für ihn ist eben die Polizei das höchste auf Erden. Nichts kann diesen frommen Glauben erschüttern, nicht die Erklärung des Fachmannes, und nicht einmal die Tatsache, daß der Mantel eines Polizeibeamten in der Leihanstalt versetzt wurde und verfiel.
Rings um die Lizitationskommission führt ein langes Pult, an dem die Kauflustigsten stehen. Sie sind entweder schon so früh gekommen, daß sie einen Platz an der Brüstung erhaschten, oder haben sie sich durch Energie und Beharrlichkeit vorgedrängt. Auf diesen Pult breitet der Schätzer die Schätze. Fachmännisch wird alles untersucht und gegen das Licht gehalten, damit man das Vorhandensein von Motten konstatieren könne. Links vor der Quality street, die zum Auktionsleiter führt und die ein Polizist bewacht, stehen zwei Chabrusgruppen. Jedes Pfandobjekt, das ihnen vorgelegt wird, wird durchberaten, und die beiden Chabrusmacher (an dem hinters Ohr gesteckten Bleistift und dem aufgeschlagenen Notizbuche sind sie kenntlich) vermerken zunächst in ihrer Gruppe die Kauflustigen und erkunden, bis zu welchem Betrage Kauflust vorherrschen würde. Dann unterhandeln die beiden feindlichen Chabrusgenerale, und erzielen nach langem Feilschen die Vereinbarung, daß bei diesem Pfandobjekt nur die eine Chabrusgruppe, bei dem nächsten nur die andere mitlizitieren wird. Wenn das Objekt erstanden ist, dann wird — mitten im Saal — innerhalb der Chabrusgruppe leise weiterlizitiert. Bei dieser Privatversteigerung sind bloß 5 Heller das geringste Mehranbot. Von dem Betrag, um der bei dieser leisen Auktion mehr erzielt wird, als bei der offiziellen, fallen zehn Prozent der Kassa zu, und der ganze Nutzen bleibt innerhalb des Kreises.
Auch rückwärts im Saal gibt es verzeichnenswerte Gruppen. Ein armseliger Kleiderhändler in Břewnow hat eben einen Riesenballen aus dem Kommissionsraum geholt und breitet dessen Inhalt neugierig, ja fieberhaft gespannt, auf einen Sessel. Zahlreiche Gaffer begutachten gleichfalls die farblosen, formlosen Damenkostüme, die der biedere Břewnower in zitternder Erregung einzeln aus dem Ballen nimmt und auf die Sessellehne legt. Ein feister Konfektionär — Pelzkragen und Goldzwicker zeichnen ihn aus — lächelt ironisch über den Schund. Dann tritt er auf den Besitzer zu: