2. Es wäre taktlos gewesen, einen Vorfall, der sich an eine solche Überwachung knüpft, zu berichten, so lange der damals Überwachte noch am Leben war.
Aber jetzt kann ich die Geschichte erzählen. An ungeschriebene Gesetze halte ich mich ebensowenig, wie an geschriebene, und verrate daher ganz offen das Geheimnis des Todesnachrichten-Dienstes; und auf die Gefahr hin, daß manchen angesehenen Leser ein Gruseln überfällt, verrate ich hiemit, daß schon mancher Mann derart überwacht wurde, der glücklicherweise noch heute frisch und gesund in sein Amt spaziert.
Es ist schon etwelche Jahre her. Ich war erst vor kurzem zur Zeitung gekommen und zu meinen wichtigsten Obliegenheiten gehörte es, mich im Sicherheitsdepartement der Polizeidirektion danach zu erkundigen, ob nicht irgendwer irgendwo wegen irgendeiner ungesetzlichen Tat in Haft genommen worden sei. Da erfuhr ich denn von Bierröhrendiebstählen, Heiratsschwindeleien und Betrugsaffären und wenn jemand jemanden ermordet hatte, dann war’s ein schönes Leben, denn da hatte ich viel zu schreiben. So ging ich zweimal täglich in das Sicherheitsbureau, vor dem immer ein Polizist Wache steht. Die Wachleute kannten mich daher und viele wußten auch bald, aus welchen Gründen ich die gefürchteten Räume der Kriminalpolizei betrete. Aber die Polizisten, welche schon nach kurzer Zeit von der Altstädter Wachstube auf andere Kommissariate versetzt wurden, wußten das nicht.
Um jene Zeit war Direktor Angelo Neumann, kurz nach seiner Operation bei Prof. Israel in Berlin, in Prag schwer erkrankt. Der damalige Theatersekretär, der vor einigen Jahren in Wien verstorbene Karl Rosenheim, hatte meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem gleichfalls seither dahingeschiedenen Redakteur Hermann Katz mitgeteilt, daß es schlecht um Angelo Neumann stehe. So erhielt ich denn den Auftrag noch in der Nacht, unmittelbar vor Redaktionsschluß nach Angelo Neumanns Wohnhaus zu sehen.
Um vier Uhr nachts ging ich hin. Innerhalb der Parterrefenster im Eckhause der Bredauergasse und des Stadtparkes, wo Angelo Neumann seine Wohnung innehatte, war es dunkel — es war also nichts Absonderliches geschehen. Ich wandte mich, den Weg zurückzukehren, den ich gekommen war. Da hörte ich hinter mir schwere, eilende Schritte. Ich schaute mich um: Es waren zwei Polizisten, denen der nächtliche Passant, der in der menschenleeren Gegend unmittelbar vor ihnen umgekehrt war, sehr verdächtig schien. Anfangs machten sie Miene, mir nachzueilen, aber sie erkannten bald, daß ich ihnen leicht entwischen könnte und änderten daher ihre Taktik. Der eine Polizist begab sich auf das linke, der andere auf das rechte Trottoir und nun nahmen sie, auf gleicher Höhe eilend, die Verfolgung auf. Ich beschleunigte meinen Gang, da ich kalkulierte: Wenn ich verhaftet werde, so kann ich morgen auf Grund des Polizeirapportes wunderbar nachweisen, daß ich wirklich um vier Uhr nachts meinen Auftrag vollführt habe. So eilte das nächtliche Dreieck vorwärts: Ich in der Mitte der Fahrbahn voran, rechts hinter mir ein uniformierter Verfolger, links von mir ein zweiter.
Die Distanz verringerte sich nicht. Die Wachleute strengten sich nicht mehr an als ich und riefen mir kein Halt zu. Sie schienen einen Plan zu haben. Nur dort, wo von der Bredauergasse die Olivagasse abzweigt, vergrößerte der rechte Mann seine Eile, damit ich ihm nicht durch die Seitengasse entwische. Aber ich ging den geraden Weg. Und bald verstand ich den Plan: Knapp vor der Einmündung in die Heinrichsgasse ließen meine Verfolger ihre Polizeipfeife ertönen. Und aus dem Dunkel der Nacht tauchte jetzt auch vor mir ein Doppelposten auf. (Es war jener Posten, der bei Nacht vor dem Hauptpostgebäude zu stehen hat und bloß einmal nicht dort stand: Als Wasinski an dieser Stelle seinen Mord verübte.) Ich war umzingelt und konnte nicht mehr entwischen. Wie triumphierend ertönte hinter mir der tschechische Ruf: „Halt“.
Ich blieb stehen und die Polizisten näherten sich mir. „Was haben Sie hier gemacht?“ fragte der eine.
„Ich bin spazieren gegangen,“ versetzte ich so kleinlaut, als ich konnte. Die Wahrheit war ja Redaktionsgeheimnis und kümmerte die Wachleute nichts.
„Schau, schau! Spazieren sind Sie gegangen,“ wunderte sich einer der Polizisten. „Um vier Uhr nachts geht man spazieren?“