Da rücke ich denn mit der Wahrheit heraus: „Ich schreibe nicht über das Stück, ich schreibe nur über die Statisten.“
„Über die Statisten? Das ist großartig. Da müssen Sie hineinschreiben, daß ich eine prachtvolle Stimme habe. Wenn ich disponiert bin, singe ich elfmal hintereinander das hohe C. Nur habe ich einen Herzfehler und kann mich deshalb nicht zum Sänger ausbilden. Aber als Schauspieler bin ich einmal aufgetreten. In Hirschberg.“
„Was haben Sie da gegeben?“
„Den Okelly in „Maria Stuart“. Keine leichte Rolle. Ich sollte hinter einem Mauerstück auftauchen und den Mortimer warnen. Meinen Text kannte ich glänzend. Einen Souffleur hätte ich gar nicht gebraucht. Aber ich habe Pech gehabt. Der Garderobier hatte mir gesagt, ich brauche mich nur bis zum Gürtel zu kostümieren. Aber als ich mich über das Versatzstück beugte und mit voller Kraft schrie: „Flieht, Mortimer, flieht,“ kippte das Versatzstück um und ich fiel auf die Bühne. Das Publikum lachte wie wahnsinnig, denn ich hatte zu dem roten Wams meine graukarrierten Straßenhosen an und die Hosenträger hingen herunter. Der Direktor war wütend. Und bei der nächsten „Maria Stuart“ mußte ich wieder im Volk stehen und „Rhabarber“ murmeln. Seit der Zeit bin ich nicht mehr als Solist aufgetreten. Der Garderobier in Hirschberg ist schuld daran. Ich habe wirklich sehr viel Talent. Sie müssen schreiben, daß ich sehr viel Talent habe.“
Der kleine Statist mit dem großen Ehrgeiz weicht nicht mehr von meiner Seite. Schließlich werden wir beide — über Auftrag des Inspizienten — auf den Korridor geleitet und die Türe wird hinter uns geschlossen. Wir müssen durch die Katakomben, die von schwachen, mit Drahtnetzen umspannten Glühbirnen beleuchtet sind, wieder in die Garderobe hinab.
Während des dritten Aufzuges, kurz nach der Szene mit den Pappenheimern, die von Chorherren dargestellt wird, läutet in unserer Garderobe die elektrische Glocke: Man bedarf unser. Herr Kristoff wirft noch einen musternden Blick auf unsere Uniformen, bessert hier und dort an unserer Adjustierung und jagt uns dann hinauf in den Seitenraum der Bühne. Von der Szene tönt uns das Wortgefecht zwischen Max Piccolomini und Max Devrient entgegen. Wir stehen rechts von der Bühne und stellen die Truppen dar, die ungeduldig die Freigabe des jungen Piccolomini verlangen, den sie von Wallenstein gefangen glauben. Der Inspizient, Herr Körner steht auf einem Sessel und hebt von Zeit zu Zeit die Hand. Das ist ein Signal für uns: Jetzt ist’s Zeit zu lärmen!
Der einundzwanzigste Auftritt geht zu Ende, Wallenstein hat seine Absicht wahr gemacht:
„Ich zeige mich
Vom Altan dem Rebellenheer, und schnell
Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn