Dann rennt er ab, wir ihm im wilden Tumulte nach, nicht zu sterben, sondern in unsere Garderoben. Wir haben ausgespielt und entledigen uns unserer Rüstungen, in denen wir von halb 7 bis 10 Uhr abends bös transpiriert haben und kleiden uns an. Einzeln verlassen wir die Garderobe. Der „Meisterdetektiv“ mißt jeden von uns mit forschendem Blick, daß es den Gemusterten eiskalt überläuft.
Der kleine Statist schärft mir noch beim Abschied ein:
„Vergessen Sie nicht hineinzuschreiben, daß ich eine prachtvolle Stimme habe!“
Der Dichter der Vagabunden
„Die Vagabunden“ von Karl von Holtei waren eines der Lieblingsbücher unserer Väter. Das Buch hatte Sympathien für die hungernd-fröhlichen Jünger der Kunst und deren Lebensweise entfacht, denen im gleichen Jahr Henri Murger den Namen Boheme gab, sie noch literarischer und noch romantischer, sie ersehnenswert und bewundernswert machte. Karl von Holtei war selbst ein Sprosse dieses in Frankreich von Murger geadelten Geschlechtes, und wohl ein echter. Das zeigt z. B. die Widmung, die auf der Titelseite des Vagabundenbuches steht: „Dem k. k. Hofrath und Polizeidirektor in Prag Anton Frhr. von Paümann.“ Die Widmung ist satirisch, ironisch und tendenziös. In ihr sagt der alte Holtei zu dem Polizeigewaltigen, mit dem ihn übrigens von Graz her ein persönliches Freundschaftsverhältnis verband: „Sie sind sonst immer hinter den Vagabunden her, d’rum müssen Sie sich’s gefallen lassen, daß hier die Vagabunden hinter Ihnen her sind.“ Doch konnte sich der Herr Baron Paümann durch diese Widmung seines Freundes auch derart angesprochen sehen: Du hetzest uns Vagabunden; sieh her, wie wenig wir’s verdienen, wie wir fühlen, wie wir denken, wie wir sind ... Es war gewiß nicht bloß ein Akt der Freundschaft von Holtei, wenn er einem Buch, das „Die Vagabunden“ hieß, den Namen eines Polizeichefs voranstellte, denn er hatte als Theaterdichter, Bühnenleiter, Theatersekretär, Schauspieler, Rezitator und — not least — als fahrender Bohemien zeitlebens genug von der Polizei zu leiden gehabt. Auch von der Prager.
Der im Jahre 1797 in Breslau als Sohn eines Husarenrittmeisters geborene Karl von Holtei wuchs vater- und mutterlos auf. Seine Gymnasialstudien, die schon ein verzehrender Drang zum Theater beherrschte, unterbrach er, um Landmann werden zu können. Er zog als freiwilliger Jäger gegen Napoleon zu Felde, bezog dann die Universität, wurde Burschenschafter und während all dem verließ ihn nie die Sehnsucht Schauspieler zu werden. Als „Mortimer“ betritt er in seiner Heimatstadt die Bretter. Bald gibt es Streit, als fahrender Sänger und Deklamator zieht er ins Weite. Heimgekehrt vermählt er sich mit der entzückenden Louise Rogée, die als Schauspielerin die Breslauer bezaubert. Er wird Theatersekretär. Neuer Streit und Kündigung. Das junge Künstlerpaar verläßt die Heimat und wendet sich (man schreibt 1823) zunächst nach — Prag.
„Ich erwählte mir Prag,“ schreibt Holtei in seiner Lebensgeschichte,[1] „und zwar deshalb, weil dies der einzige Ort war, von wo ich auf meine Anfrage (wegen Gastierens) keine Antwort empfangen ... Es war in der Abenddämmerung, als wir Prags Türme erblickten. Mich überkam dabei ein poetischer Schauer, und mit wehmütiger Begeisterung hub ich das Schenkendorfsche Lied auf Scharnhorsts Tod, in welchem er „die alte Stadt, wo Heil’ge von den Brücken sanken“ anredet, zu singen an. Wir gelangten in wahrhaft feierlicher Stimmung ans Tor, um durch einen verwünschten Zöllner in die niedrigste und ekelhafteste Prosa gezogen zu werden.“
Auch ein Fremder, der diese Stadt uneingeschränkt bewunderte und liebte, bevor er mit dem ersten Bewohner in Berührung kam, um „in die niedrigste und ekelhafteste Prosa gezogen zu werden!“
In Prag war damals Hans von Holbein Theaterdirektor. Wenn das Ständische Theater auf dem Obstmarkt unter seiner Führung auch nicht die Blüte wie unter Liebichs Leitung erreichte, stand es doch auf bedeutsamer Höhe, auf der es nur von wenigen Hoftheatern übertroffen wurde. Unter seinem Regime erhob sich die „böhmische Nachtigall“, Henriette Sontag, zu ihrem die Welt erobernden Fluge, und er war der erste, der Seydelmanns überragende Begabung anerkannte und wertete. Holbein empfing die fahrenden Thespisjünger nicht sehr wohlwollend.