„Er fertigte mich kurz und entschieden ab; vom Gastspiel war keine Rede, umsoweniger als eben der berühmte Bassist Fischer und der junge Sänger Eduard Devrient aus Berlin auftreten sollten. Da saßen wir nun in der großen wunderbaren Stadt, ohne Freund, ohne Rat, ohne Hoffnung — und wußten uns nicht zu helfen. Mitten in meiner Trübsal fiel mir ein, daß ein Mitarbeiter und Korrespondent der „Deutschen Blätter“,[2] W. A. Gerle, Professor am Konservatorium, hier weile. Diesen freundlichen Mann sucht’ ich auf, wurde durch ihn mit dem jungen, lebenslustigen Marsano, dem Verfasser hübscher Lustspiele, und durch diesen wieder mit all den fröhlichen Gesellen bekannt, die sich in der sogenannten Wolfsschlucht versammelten.“

Aber hatte Holtei auch keine Freunde und keine Hoffnung, so besaß er doch etwas, was schon damals wichtiger war, als alles andere: Protektion. Auf dem Paßbureau wies er sich, nachdem er kurz und entschieden nach Breslau zurückgewiesen werden sollte, mit zwei Briefen an den Oberstburggrafen von Böhmen, den Grafen Kolowrat, aus. Auf den Rat des Beamten gab er die Briefe in dessen Palast ab, von wo sie den Abwesenden nachgeschickt wurden. Nur wenige Tage des Wartens vergingen. Da kommt er eines Tages nach Hause und findet bei seiner Frau den — Theaterdirektor mit dem „Besetzungsbuche“. Frau von Holtei trat als Lieschen in „Alpenröslein“, sowie mit ihrem Manne, der hier wieder die Bühne betrat, in einigen seiner netten Singspiele auf und erntete allabendlich stürmischen Beifall.[3]

Holtei schreibt von seinem Prager Auftreten in bemerkenswerter Weise: „Ohne Gastrollen von Prag abreisen hieß gewissermaßen auch alle übrigen deutschen Bühnen Luisen verschließen.“ Und auch als er in dem Beutel, der ihm als Honorar überreicht wird, statt der vermeintlichen Goldstücke nur Kupfermünzen findet und entdeckt, daß seine Einnahme nur 3 fl. 56 kr. W. W. beträgt, vermag das seiner guten Laune nicht Einbuße zu tun: „Gleichviel! Wir hatten in Prag gespielt, die Bahn war gebrochen ...“

Nun durchwandert der Unstete Europa. Nahezu drei Jahrzehnte währen die Irrfahrten, und die Aufzählung der äußeren Erlebnisse würde Bände füllen. Von besonderem Interesse ist es, wie er durch einen Besuch bei Madame Czegka in Leipzig, eine Gesangslehrerin von Weltruf, welche am Prager Konservatorium Henriette Sontag zuerst unterrichtet hat, und durch diplomatische Kunststücke Henriette Sontag für Berlin engagiert, was anderen Theaterdirektoren und deren Abgesandten nicht gelang. In Weimar wird Holtei mit Goethe gut Freund, und kommt besonders mit dessen Sohn August in ein überaus herzliches Verhältnis. Mit Saphir kommt es wegen dessen Krieges gegen die Sontag zum Bruch. Holtei wird Zeitungsredakteur, schreibt eifrig und wird als erster Polensänger auch für die Nachwelt lebendig. Noch heute gedenkt man des „tapferen Lagienko“ und tönt das Mantellied „Schier dreißig Jahre bist du alt“. Er heiratet zum zweitenmale (Louise ist 1825 gestorben), der alte Schleiermacher traut ihn mit der Schauspielerin Julie Holzbecher. Er spielt in seinem „Lorbeerbaum und Bettelstab“ und wird sehr berühmt. Im Jahre 1850 wird er seßhaft. In Graz. Sein kundiger humorvoller Biograph[4] meldet: „Und er kaufte sich einen Schreibtisch.“ Er vollendet seine Selbstbiographie „Vierzig Jahre“, die als wichtige Quelle deutschen Theater- und Literaturlebens von unschätzbarem Werte ist. Er schreibt hier seine Landstreicherromane und Kriminalgeschichten, von denen manches Buch wie „Christian Lammfell“ oder gar „Die Vagabunden“ mit Unrecht vergessen ist.

Nach Prag ist Holtei wiederholt gekommen. Hatte er sich schon bei seiner ersten Anwesenheit manchen lieben Freund wie Gerle und Marsano erworben, hatte sich die wunderbare Stadt, die keinen unverzaubert aus ihrem Banne entläßt, tief ins Herz geprägt, so verdichteten sich diese Eindrücke zu einer poetischen Verherrlichung. Als dem Dichter nach dem Tode seiner zweiten Gattin sein Theaterdirektorposten und der Aufenthalt in Riga verleidet worden war, hatte Johann Hoffmann, ein Wiener Kind und ehemaliger Tenor in Petersburg, diesen übernommen. Dieser Hoffmann sollte nun im Jahre 1846 Nachfolger Stögers in Prag werden. Als er sich nun an Holtei um ein Eröffnungsfestspiel wandte, konnte dieser dem Freunde die Bitte nicht abschlagen, doch stellte er die Bedingung, vorher einen Besuch in Prag zu machen, „die dortigen Theaterzustände, die Stimmung des Publikums, den vorherrschenden Ton wieder kennen zu lernen ...“ Auf Hoffmanns Einladung verbrachte Holtei die Weihnachtsfeiertage in Prag. Fleißig ging er ins Theater und „wohnte auch den böhmischen Vorstellungen bei, die mich vorzüglich im Gebiete der Lokalposse interessierten“. Und dann ließ er den Zauber der Stadt auf sich wirken. „Jene Abende, wo das Schauspielhaus geschlossen blieb, namentlich den Weihnachts- und Silvesterabend brachte ich bis tief in die Nacht hinein in den hohen, Ehrfurcht gebietenden Kirchen zu, den katholischen Feierlichkeiten mit banger Aufmerksamkeit lauschend.“

Er lernt Frau Direktor Stöger, die Witwe des „genialen Direktors Liebich“ kennen, dessen Persönlichkeit er feiert: „... daß die Prager Bühne durch ihre einzelnen Talente, wie auch durch ihr geistig geleitetes Zusammenwirken unter Liebichs Direktion eine der ersten, wo nicht die erste in Deutschland war, ist allen Kennern unserer Theatergeschichte bekannt, und war es auch mir.“ Und Holtei hat etwas vom Theater verstanden. Mit Eindrücken wohl versehen, ging er nun an deren Verarbeitung. Aber es kam nicht zur Aufführung. Es paßte Hoffmann und den Prager Maßgebenden nicht. Vielmehr wurde das neueingerichtete Theater am Ostermontage mit dem Festspiel „Die Weihe der Kunst“ eröffnet; der heimische Poet Hickel hatte die Worte geliefert, der Konservatoriumsdirektor Kittl und Kapellmeister Skraup die Musik. Holtei aber hat sein wenigstens originelles Stückchen im siebenten Bande seiner Lebenserinnerungen abgedruckt.

Die Szene bildet das Theatergebäude. Thalia will den nordischen Fremden — den neuen Direktor — in die Hallen seiner Bestimmung einführen. Der alte Guardasoni, der erste ständische Impresario des Nostitz-Theaters, unter dem die Oper geschmückt mit dem Namen Mozarts blühte, wird von den Toten zitiert und gibt im welschen Deutsch dem neuen Mann sein Geleite. Der Kastellan allerdings, der ihn ins Haus einführt, spricht einen schwerer verständlichen Dialekt. Dieser Mischmasch sollte offenbar Prager Deutsch vorstellen — aber es war nichts. Ebensowenig ist ihm einmal der Versuch geglückt, in einem Gedichte „Der Böhme in Berlin“ das berüchtigte „Behmisch-daitsch“ Prags festzulegen. Man urteile selbst:

„Bei Prag ist große Bruck

Ale ist prächtig!

Steht heil’ger Nepomuk