sagt Esaias Tegner.
Die Beleuchtungseffekte der um Mitternacht über dem Horizonte stehenden Sonne sind allerdings ungewohnte; aber das Entzücken vieler Reisenden über diese Erscheinung beruht, wie mir scheint, doch hauptsächlich auf einem Kontrastbewußtsein; wüßte man nicht an der Hand der Uhr, daß die zwölfte Stunde der Nacht da ist, so wäre das Schauspiel von einem gewöhnlichen Sonnenuntergange in nordischen Landen kaum zu unterscheiden.
Mitternachtssonne.
Für uns Reisende brachte die taghelle Nacht den Uebelstand, daß keine gleichmäßige Trennung von Schlafen und Wachen mehr stattfand. Man konnte lange sich rechtzeitig zu Bette legen; dutzend Andere zogen vor, beim Schein der nächtlichen Sonne fröhlich und munter zu bleiben und tagsüber zu schlafen; die armen Stewards mußten großenteils 24 Stunden per Tag auf den Beinen sein und die „nachtschlafenden“ Passagiere fanden auch keine Ruhe.
Am 9. Juli brach ein herrlicher Sonntag an. Um 6 Uhr ertönte vom Deck der Choral: „Wie schön leucht’ uns der Morgenstern!“ — Hinauf in die reine, sonnige Meerluft! Die Kapelle hatte sich unterdessen auf Vorderdeck neben der Kapitänskajüte aufgestellt. „Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren!“ schallte es vom Meer zum Himmel. Da kein Nebel und keine Wolke den Horizont trübte, ließ der Kapitän unser Schiff seinen Kurs über Hammerfest nehmen, was bei trübem Wetter ein Wagnis gewesen wäre. Auf diese Weise wurde uns der Anblick der nördlichsten Stadt der Erde (70° 40′) zu teil.
Eine Stunde vor erreichtem Ziele holten wir einen Walfischdampfer ein, der vier mächtige tote Wale nachschleppte. Unser Schiff hielt an und ließ das Fahrzeug dicht an uns herankommen. Da konnten wir die interessante Beute nicht nur sehen, sondern auch riechen; denn der eine der Riesen war schon stark in Verwesung übergegangen und durch Fäulnisgase zu einer unförmlichen Masse aufgetrieben. Ein zweiter trug noch die mächtige Harpune im Leib. Auffallend ist die regelmäßige parallele tiefe Längsfaltenbildung am Bauche des Tieres. Der kleine schwarze Dampfer, der wohl seit Wochen mit der Unbill des nördlichen Eismeeres gekämpft hatte, sah sehr mitgenommen aus; die Bemannung — ein halbes Dutzend bärtiger Norweger und zwei Jungens — stak in Ruß und Fett. Aber als unsere Kapelle ihre Nationalhymne spielte, da entblößten alle das Haupt und horchten unbeweglich und ergriffen den geliebten Tönen. Das dreifache Hurrah, das sie mit Schwenken ihrer geschwärzten Mützen zum Dank in die Luft hinaus schmetterten, entstammte — das fühlte man — der Tiefe ihrer Seele. An einem Seile wurden den Leuten, die wohl viele Entbehrungen durchgemacht, Brot, Fleisch und Pomeranzen hinübergeschleudert, und nachdem sämtliche an unserm Bord befindlichen photographischen Apparate sich des seltsamen Bildes bemächtigt, fuhr unser Koloß stolz von dannen und hatte den kleinen tapfern Rivalen bald aus dem Auge verloren.
Walfischdampfer.
Unmittelbar gegenüber Hammerfest wurde dann ein halbstündiger Halt gemacht, so daß man das seltene landschaftliche Bild gehörig in sich aufnehmen konnte. Die Umgebung der Stadt ist trostlos kahl. Kein Baum wächst da. Vom 18. November bis zum 23. Januar herrscht absolute Nacht; die Sonne erscheint während dieser Zeit nie und das Licht wird dann elektrisch produziert. Aber im Sommer ist reges Leben im Hafen, welcher den Hauptplatz für den Handel nach Rußland bildet. Auch die Fischerflotten nach dem Eismeer gehen von hier aus, und seit drei Jahren wird im Juli und August — sofern das Meer offen — alle acht Tage ein Postdampfer nach Nordkap und Spitzbergen geschickt, an welch’ letzterem Platze, in Eisfjord, die betreffende Gesellschaft sogar ein hölzernes Unterkunftshaus für Jäger und Touristen hat aufstellen lassen.