Die Häuser Hammerfests sind alle aus Holz gebaut und heben sich gegen das graue Gestein des Gebirges nicht sehr deutlich ab. Immerhin machen die Kirche und ein auf der Höhe liegendes großes Gasthaus, zu dem ein Zickzackweg führt, einen freundlichen Eindruck. Eine weithin sichtbare Granitsäule im Norden der Stadt trägt eine bronzene Erdkugel und erinnert an die russisch-skandinavische Meridianmessung der Jahre 1818-1852, welche in einer Ausdehnung von 25° 21′ vom Eismeer (Hammerfest) bis zur Donau (Ismail) durch Norwegen, Schweden und Rußland auf Befehl des Königs Oskar I. und der Kaiser Alexander I. und Nikolaus I. in ununterbrochener Arbeit ausgeführt wurde.
Daß Hammerfest auch den Ruf der kinderreichsten Stadt verdient, konnten wir bald sehen; der ganze Quai stund dicht voll kleiner Norweger und Norwegerinnen, welche das ferne Schiff anstaunten und die Weisen unserer Musikkapelle mit Applaus lohnten. Zuerst stieg die norwegische, dann die russische (Rußlands Grenze ist nicht weit entfernt und ein Vertreter der Nation offiziell in Hammerfest), dann die deutsche und endlich die amerikanische Nationalhymne. Lauter als alles aber tönte das markige Sempacherlied in meinem Herzen.
Unter Hurrah der ganzen Bevölkerung — die vielen hohen Kinderstimmen gaben aber entschieden den Ausschlag — schieden wir von der einsamen Stätte und wendeten unsern Kiel noch größerer Einöde zu. Die Landschaft wurde immer dürftiger. Gebirgsstöcke von auffällig regelmäßiger Pyramidenformation begrenzen den Fjord; eine Felswand zeigt die ganz überraschenden Züge eines menschlichen Gesichtes: einer riesigen, fragend und drohend nach dem ungewissen Norden schauenden Sphinx. Ueber die knapp mit Moos bewachsenen Felsabhänge und über steile Schneefelder eilten Herden von Rentieren mit der Gewandtheit von Gemsen und wurden durch das Nebelhorn unseres Schiffes zu raschester Gangart aufgeschreckt. In der steinigen Einöde sah man zur Seltenheit einmal die Hütte einer Lappenfamilie. Dann brachte etwa der Ruf „Wale! Wale!“ Abwechslung in die Einförmigkeit; alles stürzte nach der entsprechenden Schiffsseite, um mit allgemeinem Gelächter der Enttäuschung ein paar harmlose, in elendem Nachen vorbeirudernde Lappen zu begrüßen.
In dieser Situation gedieh der Kalauer und wuchsen die Vermutungen über Andrees Schicksal im Quadrate der Annäherung an den Punkt seines kühnen Aufstieges. „Glauben Sie nicht, daß wir Andree suchen wollen, Herr Doktor?“ meinte ich zu dem gemütlichen, stets von seiner Gattin begleiteten Botaniker aus Leipzig. „„Nee, meine Frau leidet es nischt, daß ich And’re nachlaufe.““
Eine große und interessante Abwechslung brachte die Vorbeifahrt an dem steilen Vogelriff Svaerholt-Klubben. Dort nisten zu Millionen Eiderenten, Alken und Möwen, und durch hingeschleuderte Raketen aufgescheucht schwebten sie als kreischende, mächtige Wolke in die Luft, wo sie im Glanze der Sonnenstrahlen die Erscheinung eines dichten Schneegestöbers vortäuschten, oder stürzten sich lärmend in die mit weißer Brandung aufspritzenden Fluten, um bald wieder zu ihren häuslichen Pflichten zurückzukehren. Die Felswand ist siebartig mit Nestern bedeckt. Angelehnte Leitern ermöglichen den herfahrenden Fischern, einen Teil der Eier wie auch die kostbaren Flaumfedern zu erbeuten.
Abends gegen halb 9 Uhr stund es vor uns, „der Grenzstein der Schöpfung“, wie Tacitus es nannte, das nördliche Ende Europas, der schwarze, unheimliche, zerrissene Koloß des Nordkaps. Wir ankerten in einer Bucht der Ostseite, wo im Sommer ein Fischer in elender Hütte wohnt und ein wackeliger Landungssteg den Zutritt zum Lande ermöglicht. Der von dort ausgehende Weg war schon vom Schiff aus zu erkennen, zuerst als unregelmäßige, steil aufsteigende Linie, dann als Zickzacklinie über Felsen und Schneefelder, als ob der Blitz die Spuren gezeichnet hätte.
Das Nordkap.
Nun ging’s ans Ausbooten. Der Erste, der nach oben wanderte, war der vielgeplagte Postmeister, der u. a. 4000 — sage viertausend — Ansichtspostkarten auf die Spitze des Kaps zu schleppen hatte, um sie dort abzustempeln. Der arme Mann zeigte mir nachher seine mit Druckblasen bedeckte rechte Hand. Die Ansichtskartenwut erreicht überhaupt auf der „Auguste Viktoria“ den höchsten Grad. Vor jeder Station werden ihrer zu Tausenden gekauft und beschrieben, und die Gesamtziffer der auf dieser Fahrt versandten Kartengrüße dürfte 20,000 wohl übersteigen. Hinter dem Postmeister kletterten die tapfern Musikanten, die sogar die große Pauke mit in die Höhe schleppten. Als wir ans Land fuhren, war der Weg bis oben schon durch wandernde schwarze Punkte gekennzeichnet, die sich namentlich auf dem Schnee mit geradezu komischer Deutlichtkeit abhoben, unten sehr dicht, nach oben zu aber immer dünner gesäet erschienen.
Ich hatte die Fürsorge über fünf Damen übernommen; drei verzichteten nach einer Viertelstunde, zwei brachten es bis zur Schneegrenze! Dort kämpfte in mir die Lust, den Spaziergang nach oben fortzusetzen, mit dem ritterlichen Gefühle der Verantwortlichkeit für meine Schutzbefohlenen. Das letztere siegte und ich zog — als schützender und stützender Bergführer, welche Eigenschaft nicht hinderte, daß ich einigemal sehr unsanft auf den nassen, steilen Weg zu sitzen kam — den Rückzug an. Der Weg war aber auch unter aller Kanone. Ein Seil, das an den schlimmsten Strecken Stütze gewähren sollte, war so miserabel befestigt, daß es an den meisten Stellen als loses Tau am Boden lag, und oben, wo der kritischste Aufstieg begann, hörte es überhaupt auf.