So lagerten wir uns denn, glücklich unten angelangt, auf moosigem Grunde, freuten uns über die bunte darin wurzelnde Flora und sahen nicht ohne Behagen den alpenklubbistischen Versuchen unserer Mitpassagiere zu. Da gab’s zu lachen! Manch’ Einer, der mit welterobernder Miene an uns vorbeizog und im Sturmschritt die ersten 300 Meter durchschritt, kam eine halbe Stunde später als geknickte Rose mit demütigster Miene oder auch polternd und fluchend zurück. Spezielles Vergnügen machte uns ein Hüne von Gestalt, der im sichern Bewußtsein, den Grenzstein Europas spielend zu ersteigen, wie ein Sieger an uns vorüberschritt. Aber wie kehrte er über ein Kleines zurück! Ich habe schon Menschen auf einem und auf zwei Beinen und in allen möglichen Gangarten marschieren sehen, auch auf allen Vieren; ich sah die Species homo sapiens schon hüpfen, tanzen, kriechen etc. — aber diese hier vor Augen geführte Gangart war mir völlig neu. Im Gesichte den Ausdruck von Angst und Entsetzen, den Körper in Rückenlage, als ob er sich gegen einen aus der Luft anstürmenden Drachen kampfbereit stellen wollte, rutschte der Unglückliche auf drei Extremitäten Zoll um Zoll vorwärts, während die vierte krampfhaft das am morastigen Boden liegende, schlaffe Seil hielt, von dem alles eher als irgend ein Halt zu erwarten war. So kroch die Jammergestalt zu Thal, die Rockschöße im Schlamme nachschleppend, und mag wohl Gott gedankt haben, als sie wieder horizontalen Boden unter den Füßen fühlte. — Wenig bessern Erfolg zeigte ein sehr trinkbarer und korpulenter Weinbaron, der sich die Seitentaschen mit Rheinweinflaschen vollgepfropft hatte. Von fünf zu fünf Minuten schuf er eine Labestation und ehe die Mitte des Aufstiegs erreicht war, ging der Vorrat an „Stärkungsmaterial“ und der Thatendrang zu Ende; schweißtriefend und pustend kehrte Sir Falstaff nach dem sichern Ufer zurück. Als einer der letzten kam der Schiffsdoktor und machte meine Prophezeiung, er werde die obern Stufen des Parnassos nicht erreichen, glänzend zu Schanden. — Von den 360 Passagieren gelangten kaum 100 bis zur Spitze des Kaps. Dort wurde in einer Hütte Champagner ausgeschenkt. Der Wirt soll an dem Abend 2000 Kronen eingenommen haben.
Einen ergreifenden Eindruck auf die oben Versammelten machte es, als die Musikanten im Glanze der zum Horizonte sich senkenden Sonne das Kreutzersche: „Das ist der Tag des Herrn“ intonierten. Ein kleines Intermezzo schuf die übermütige Champagnerlaune eines Amerikaners, der auf der zu Ehren seines Besuches von Kaiser Wilhelm errichteten Steinpyramide eine leere Champagnerflasche mit der amerikanischen Flagge aufpflanzte. Kurz besonnen fegte eine kleine deutsche Dame das taktlose Zeug herunter; der Uebelthäter aber machte seine Unbesonnenheit dadurch gut, daß er — von ältern Herren aufgefordert — der Germanin ordentlich Abbitte leistete.
Um 12 Uhr waren wir an Bord und genossen das Schauspiel der Mitternachtssonne nochmals in glänzendster Weise. Drohend stieg vor uns das grausige schwarze Gestein des Nordkaps in die Höhe, am Fuße in glänzend grüne Vegetation gebettet. Das Meer war wie wogende Tinte und der Reflex der Sonne in der bewegten Flut gewährte ein zauberhaftes Bild. Der lichte Horizont grenzte mit eigentümlicher Schärfe gegen das schwarze Meer ab. Bis gegen 2 Uhr sah man sie — die das Kap besiegt — die Zickzackwege herunterkrabbeln; zwei Matrosen begingen sogar die Tollkühnheit, über die steilen Schneeflächen mit Blitzesschnelle herunterzurutschen.
Noch näherte sich ein kleines Fischerboot unserm Schiffe; zwei frisch gefangene Halibutten, von welchen jeder 100 Kilo wog, wurden für 80 Kronen als Nahrungsmittel für uns erstanden. Um 2 Uhr ertönten die letzten Weisen unserer unermüdlichen Schiffsmusik; dann wurde der Anker gelichtet, vorwärts ging’s — im taghellen Lichte der Nachtsonne — dem Eismeere zu.
VI.
Bäreninsel. — Eisberge. — Fahrt durch das nördliche Eismeer. — Gang durch das Schiff. — Passagiere. — Tageseinteilung.
Offene See zwischen Digermulen und Aalesund, 18. Juli 1899.
Unser Kurs geht wieder nach Süden. Spitzbergen liegt hinter uns. Wir haben allerdings die Tücke des nördlichen Eismeeres erfahren müssen, indem ein plötzlich auftretender dichter Nebel, der die Fahrt in jenen Gewässern zu einer äußerst gefährlichen gestaltet hätte, uns zu früherer Rückkehr zwang, als beabsichtigt war; aber ein hochinteressantes Stück des merkwürdigen Länder- und Meeresstriches haben wir doch gesehen.