Im Sonnenglanze und unter den Klängen unserer Schiffskapelle setzte sich die „Auguste Viktoria“ um 2 Uhr am Morgen des 10. Juli vom Nordkap weg in Bewegung; ihr nächstes Ziel war die Bäreninsel. Erst gegen 4 Uhr gab’s Ruhe an Bord; so lange ließen mich das vom Promenadendeck her schallende frohe Lachen und die auf unsern Köpfen promenierenden Nachtwandler und -Schwärmer nicht einschlafen. Der folgende Tag machte ein düsteres Gesicht: bleigrau der Himmel und grau, ohne Glanz, das Meer; dazu eine Temperatur von 5° C. Fröstelnd und in alle verfügbaren Mäntel und Teppiche gehüllt saß man auf Deck oder in geheizten Gesellschaftsräumen. Nachmittags blies ein eisiger Wind; die Luftwärme sank auf 2°; jetzt erst kam uns die Anwesenheit im nördlichen Eismeere zum Bewußtsein. Seevögel und zur Seltenheit der mächtige Rücken eines Wales brachten etwas Leben in die sonst trostlose Meereinsamkeit; einmal glitt auch eine Gruppe von sechs solcher Kolosse an uns vorüber — es waren wohlgezählt ihrer sechs —, aber als ich nach 10 Minuten auf die andere Bordseite kam, hörte ich schon von zwölfen erzählen und bei der Tafel sprach man manchenorts von der Walfischherde von „mindestens zwanzig Stück“, während ein jugendlicher Nimrod im Rauchzimmer nachher „gegen hundert“ beisammen gesehen haben wollte.
Gegen 5 Uhr kam die Bäreninsel in Sicht, ausnahmsweise einmal nebelfrei, aber von dichtem Gewölk überlagert. Dieses unter 74° 30′ n. Br. liegende Eiland wurde 1596 entdeckt und nach einem daselbst erlegten über 12 Fuß langen Eisbären so benannt. Jetzt paßt dieser Name nicht mehr, da kein einziges jener wilden Tiere dort mehr zu finden ist. Das unbewohnbare, 68 Quadratkilometer große Gebirgsland gehört ausschließlich der Vogel- und Fischwelt und den Walrossen, von welchen Ungeheuern einstens von einer englischen Expedition unter Bennet innert sieben Stunden nahezu 1000 Stück erlegt worden sein sollen. Die Insel besteht aus einem 50-100 Meter hohen felsigen Plateau, über welche sich am südlichen Ende der 400 Meter hohe Elendsberg erhebt, so benannt, weil von seinem Gipfel herab ein Schiffer die Zerstörung des ihn abholenden Bootes mitansehen mußte. Daß auch dieses vergletscherte Land einst bessere Zeiten gesehen, beweisen die Steinkohlenlager, welche in mächtigen Schichten zwischen Thonschiefer, Sand- und Kalkstein zu finden sind und die wohl hauptsächlich Deutschland den Besitz der Insel als wünschenswert erscheinen ließen. Bei der Annäherung entdeckten wir starke Treibeismassen, die auffallend — schon auf große Distanz — gegen die Meeresfläche abstachen, und einen prachtvollen Eisberg von Pyramidenform. Sein Ursprung von einem der grandiosen Gletscher Spitzbergens war schon aus seiner durchsichtig blaugrünen Farbe und seiner absoluten Schneefreiheit ersichtlich. Wenn man sich vergegenwärtigte, daß das, was man über dem Wasser schwimmen sah, nur ⅛ der Größe des Kolosses ausmachte, so erhielt man Respekt vor diesem schwimmenden Riesen und vermied es gerne, in seine unmittelbare Nähe zu kommen. Beim Drehen des Schiffes zeigte der Eisberg die ganz unverkennbare Form eines schwimmenden — Kameles, was von uns als zarte Anspielung aufgefaßt wurde auf uns Passagiere, die wir, wie dieser Wüstenbewohner, den warmen Süden verlassen hatten, um im unbehaglichen Norden zu frieren. Walrosse, welche einige Beobachter am Fuße des Eisberges zu sehen versicherten, konnte ich mit unbewaffnetem Auge nicht als solche qualifizieren; wir wollen hoffen, daß es solche gewesen sind, sonst hätten wir auf der ganzen Reise keine andern als bis auf die glotzäugige Fratze im Wasser verborgene zu Gesichte bekommen. Ein zweiter Eisberg war dicht mit Vögeln besetzt, die beim Ertönen unserer Dampfpfeife mit Gekreisch in die Luft flogen.
Als wir uns dem nordwestlichen Ende der Insel näherten, zerriß plötzlich die Wolkendecke und in voller Schönheit erglänzten die sonnbestrahlten vergletscherten Flächen und Abbrüche des Hochplateaus. Auftauchende Masten erwiesen sich als einem deutschen Schiffe angehörig, dessen Flaggengruß von uns erwidert wurde.
Bald hatten wir die phantastischen Formen der felsigen Insel mit den zahllosen durch das Meer benagten Klippen aus dem Auge verloren und uns empfing wieder die trostlose Einöde des bewölkten Eismeeres. Diese Situation, bei der doch weiter nichts zu sehen ist, benütze ich, um dich, lieber Leser, zu einem Gang durch das Schiff einzuladen, bei welcher Gelegenheit du auch einige der Mitreisenden kennen lernen sollst.
Beginnen wir in der Morgenfrühe in meiner Klause, der Kabine oder Schiffskammer, wie das Ding seit der deutschen Sprachreinigung genannt wird. So früh als möglich, meist aber erst nach 6 Uhr, schwinge ich mich, eine kleine akrobatische Leistung, aus der Apfelhurde, hier Bett genannt, und erfülle die Pflichten eines zivilisierten Menschen zur Erzielung einer gewissen Salonfähigkeit. Der Begriff ist Gottlob dehnbar; ich lebe nach dem landläufigen vaterländischen und kümmere mich wenig um Gehrock und Lackschuhe, wie sie unter den mitreisenden „Touristen“ der „Auguste Viktoria“ allerdings überraschend zahlreich vertreten sind; ja sogar Frack und Cylinder und weiße Weste fehlen nicht, für den Aufenthalt auf Spitzbergen besonders nützliche Gegenstände. Nachdem ich mich durch Poltern an der Wand über den Grad der kulturellen Entwicklung meiner lieben Nachbarinnen informiert, lass’ uns auf Deck steigen. Der Weg führt eine Treppe in die Höhe, dann zwischen den wuchtig arbeitenden Maschinen hindurch in das Gebiet der Oberdeckkabinen; dort liegen auch Bäckerei, Konditorei und Küchenlokalitäten; durch die geöffneten Thüren sehen wir Köche und Bäcker in voller Arbeit; in mächtigen Kesseln wird Fleisch gesotten — die Passagiere wollen ja täglich zweimal frische Bouillon haben —; auch Nase und Ohr bekommen ihr Teil; aus der Konditorei strömt Vanilleduft, und in der Hauptküche keift der Oberkoch mit einer durchdringenden, so phänomenalen Tenorstimme, daß ich Lust hätte, ihn für den O.-G.-V.[2] zu werben, wobei allerdings seine kulinarischen Fähigkeiten Einbuße erleiden müßten.
Eine weitere Treppe führt uns auf den Mittelpunkt des an Bord pulsierenden Lebens, auf das Promenadendeck. Die vornehme Welt schläft noch und unbenützt stehen vorläufig die 400 eleganten, mit Plaids und Büchern belegten Liegestühle in langen Reihen neben einander, um im Laufe des Tages nach allen möglichen Plätzen des Schiffes geschleppt zu werden. Wie schön ist doch die Welt vom Stand- oder vielmehr Liegepunkte einer solchen Lagerstätte aus! Sind Beine, Arme, Kopf und Augen in der zweckmäßigsten Position, um ja nichts Interessantes sich entgehen zu lassen, so ist man nach wenig Minuten eingeschlafen und läßt schnarchend die malerischsten Fjords und die größten Walfische an sich vorüberziehen.
Während Schiffsjungen und Deckstewards das Deck durch Wasserströme und Putzlappen unsicher machen, steigen wir noch eine Treppe höher, auf Bootsdeck. Von dort herab beherrscht der Blick die ganze Umgebung des Schiffes; dort steht auch die elegante Kapitänskajüte und vor ihr das Navigationszimmer, mit Karten und wissenschaftlichen Apparaten, über welchem die Kommandobrücke aufgebaut ist. Unablässig promeniert dort oben, mit bewaffnetem Auge den Horizont musternd, einer der beiden Lotsen; im Mastkorb ist außerdem ein ausschauender Matrose und bei schlechter See oder trübem Wetter noch ein zweiter an der vordersten Spitze des Schiffes.
Hier, auf dem Vorderteile des Bootsdeckes, um Kapitänkabine und Kommandobrücke, ist der Lieblingsplatz derjenigen, welche gern viel sehen und, ungestört vom Menschengetriebe, die Naturwunder genießen möchten und welche es nicht fürchten, wenn ihnen ein bißchen Seewind um die Ohren pfeift. Zu diesen gehört das kleine Trüpplein Schweizer an Bord der „Auguste Viktoria“. Nur Küchendunst und die Donnerwetter des Tenoristen am Bratspieße stören gelegentlich den Frieden dieses Hochplateaus. Dafür kann man sich den Spaß machen, durch die offenen Lücken aus der Vogelperspektive das Leben und Treiben der Köche zu beobachten und vor allem ihre fabelhafte Gewandtheit im Tranchieren von Fleisch und Geflügel bewundern.
Unterdessen fängt das Promenadendeck an sich zu beleben. Ein’s nach dem andern erscheint; man erzählt sich die Erlebnisse der vergangenen Nacht; es gibt Leute, die immer gerade dann etwas ganz besonders Interessantes und Merkwürdiges gesehen haben wollen, wenn andere zu Bett lagen. Darüber allmorgendlich schmerzliches Lamento: „Sieh’ste Aujust, ich sachte ja doch, wir wollten noch en bischen auf Deck bleiben; da haben wir nun wieder die janze schöne Jeschichte verpaßt!“
Allem Ärger und Geplauder macht das um 8 Uhr ertönende Trompetensignal ein Ende. Es ist die deutsche Infanterie-Tagwacht. Der beauftragte Bläser rennt wie besessen im ganzen Schiff herum, bis die Schläfer wach und die Hungrigen am Frühstückstisch versammelt sind. Gespeist wird in drei großen Sälen, von welchen die zwei übereinanderliegenden auf Vorderdeck mit fürstlichem Luxus ausgerüstet sind, während der Speisesaal auf Hinterdeck — bei den Fahrten über den atlantischen Ozean den Passagieren zweiter Kajüte dienend — etwas weniger prunkvoll, aber sehr behaglich aussieht. Uns führte das Los in den sogenannten weißen Saal auf Vorderdeck; dort ist man zu je zehn Personen auf bequemen Drehfauteuils an einem Tische gruppiert, und selbstverständlich waren wir anläßlich der ersten Mahlzeit begierig zu wissen, mit welchen Menschen uns das Schicksal zusammengewürfelt hätte. Unterdessen aber, im Laufe der seither verflossenen Wochen, haben wir uns gegenseitig kennen gelernt und ich habe die Ehre dir vorzustellen: Herrn und Frau Dr. K. aus San Remo, eigentlich aus Leipzig, ein unter seinen Fachgenossen sehr bekannter Botaniker, wohl der meistgereiste Mann an Bord; er hat zweimal die Erde umkreist, war jahrelang in Südamerika, kennt Afrika vom Süden bis zum Norden und ist in Asien unheimlich zu Hause; nur Australien blieb ihm bis heute fremd; aber „das machen wir in zwei Jahren“ versichert der reiselustige Pflanzenkundige, der nebenbei die fabelhafte Kunst versteht, ohne Gepäck zu reisen und doch alles, dessen man etwa bedürftig sein könnte, vom Thermometer bis zur Konvexlinse, aus seinen Rocktaschen hervorzuzaubern. Ein unverwüstlicher Humor und ein köstlicher Appetit machen dieses lebendige botanische Konversationslexikon zu einem sehr angenehmen Tischgesellschafter; wir sind Konkurrenten im Vertilgen von Butterbrötchen und verachten manches Feine, was die Speisekarte bringt, so vor allem die ewigen gebratenen Puter oder Gebrüder Puter, wie wir die Firma nennen, weil sie stets als „Gebr. Puter“ auf dem Menu stehen. Unsere weiteren Tischgenossen sind zwei feine und liebenswürdige Familien aus Tönning (Schleswig-Holstein): ein königlicher Landrat mit seiner Frau, „aus Magdeburg an die Waterkant versetzt“, und ein holstein’scher Gutsbesitzer, Nimrod in allen Fibern, dem es gehörig in den Fingern juckte, als er auf Spitzbergen den Fürsten Metternich und Gefolge zur Jagd ausziehen sah und der, Besucher und Kenner unseres lieben Vaterlandes, mit seiner feingebildeten, vortrefflichen Frau uns Schweizern gleich zu Anfang mit kräftigen Sympathien begegnete. Vergessen darf ich nicht eine ihrer Obhut unterstellte junge Dame, welche, stets Sonnenschein auf dem Gesichte, durch ihr frohes Lachen und ihre natürliche Fröhlichkeit wesentlich zur Erhöhung der richtigen Tafelstimmung beiträgt.