Deckszene.
Zum Frühstück liefert die Küche — außer Thee, Kaffee und Chokolade mit Zubehör, täglich frischen Brötchen und Hörnchen etc. — noch alles Mögliche an kalten und warmen Fleisch-, Mehl- und Eierspeisen. Der Gewohnheit treu begnügen wir uns mit dem „Ordinäri“: Kaffee und Butterbrot, freuen uns, des Staunens voll, über den riesigen Appetit anderer, speziell der Amerikaner, die des Morgens schon Unglaubliches leisten, und eilen sobald als möglich, vielleicht noch mit einigen Orangen oder andern Früchten der Tafel ausgerüstet, hinaus auf Deck, an die frische Luft. Dort, auf Promenadendeck, ist’s unterdessen lebhafter geworden; viele der Liegestühle sind in Beschlag genommen, und es wäre gute Gelegenheit, physiognomische Charakter- und, wer dazu Lust hat, auch Toilettenstudien zu machen; es ist namentlich die amerikanische Nation, welche die vielgestaltigsten Typen jedes Alters, vom Kinde bis zum Greise, liefert und aus ihren riesigen Koffern das Unglaubliche an Prunkgewändern hervorholt. Der Finanzlöwe an Bord ist der Amerikaner Wanamaker (Wonnemacher heißen wir ihn); er hat für sich und seine Familienangehörigen die besten Luxuskammern gemietet und soll die Kleinigkeit von 175 Millionen besitzen. Jener elegante Herr dort, mit schwarz und graukarierter Reisemütze, das pomadisierte Haar sorgfältig gescheitelt, das tropengebräunte, eigentümlich scharfe Gesicht glatt rasiert wie ein englischer Lord, mit elegant geschnittenem dunkelfarbigem Rock, enganliegender schwarzer Hose und Lackstiefeln, den ich jeden Morgen in aller Frühe bei „Wonnemachers“ heraustreten sah, mußte der unheimliche Millionär sein; ich betrachtete ihn volle acht Tage als solchen und machte ihn im Stillen verantwortlich für einige Prozent des sozialen Mißverhältnisses auf unserm Planeten, bis ich eines Morgens zu meinem Erstaunen den eleganten Erzmillionär — durch eine halbgeöffnete Kabinenthüre beim Stiefelwichsen beschäftigt sah, was meine Achtung vor ihm keineswegs verminderte, aber immerhin bei weiteren Begegnungen meinen Gedanken eine andere Richtung gab. Ich hatte eben den Diener für den Herrn angesehen; aber — beim Zeus! — Hosen- und Gesichtsschnitt waren auch darnach und rechtfertigten den Irrtum.
Dort in jener Ecke wird schweizerdeutsch gesprochen; da lass’ uns hingehen; es sind drei Herren aus Basel: der alte Junggeselle Dr. jur. L., der seit Jahren die Welt nach allen Richtungen der Windrose bereist, kein Schnelläufer zwar, aber ein sehr gewester Mann und gemütlicher Gesellschafter; an seiner Seite der zur Spezies der Rentiere übergetretene ehemalige Kaufmann R. (von uns in naheliegender Verballhornisierung seines Namens Respini genannt), stets tadellos vom Scheitel bis zur Sohle, und endlich — die Gelehrsamkeit zum Schlusse — der wohlbekannte Professor der Theologie, Herr Pfarrer B., ein flotter Läufer, der in nachtschlafender Zeit schon von Bord geht, um Land und Leute zu studieren, nebenbei ein geistreicher und humorvoller Plauderer. Die elegante Römerin, welche sich in unverfälschtem Züridütsch mit ihnen unterhält, ist die Gattin eines bedeutenden italienischen Ingenieurs, eine Frau, welche in der ewigen Stadt als Initiantin und unermüdliche Arbeiterin in allen menschenfreundlichen Bestrebungen eine hervorragende Rolle spielt. Sie, die gleich gewandt in allen modernen Sprachen, doch mit Vorliebe ihre Muttersprache spricht, rechnen wir auch zu den Unsrigen, wie auch ihren liebenswürdigen Mann, den Waldenser und alten Zürcher-Polytechniker, dessen Ohr unsere heimatlichen Laute sehr gut versteht. Es ist eine vornehme Erscheinung, Voll Geist und Gemüt und behaglich prickelndem Witze. „Das Schweizerdeutsch ist doch gewiß eine sehr schwere Sprache,“ wandte sich kürzlich ein Deutscher an ihn. „„Man sollte es kaum glauben; meine Frau spricht es nun seit 1½ Stunden ununterbrochen,““ meinte der mit Ungeduld dem Ende der vaterländischen Konversation seiner Frau mit meiner Schwester entgegensehende Gatte.
Weiter auf Deck! Da liegen sie schon in allen möglichen Positionen auf ihren Rohrstühlen, die Einen lesend, die Andern plaudernd und Ulk treibend, Einige bereits wieder in süßen Schlaf versunken. Du wirst mir zugeben, daß Gott Morpheus nicht immer die Züge verklärt; jedenfalls bin ich überzeugt, daß jener sonst so martialisch aussehende und gewöhnlich wie ein junger Kriegsgott über Deck steuernde Herr mit dem jetzt herabhängenden Unterkiefer und den entsetzlich nichtssagenden Gesichtszügen sich nicht als „schlafender Krieger“ möchte porträtieren lassen.
Von „Hoheiten“ sind an Bord: außer einigen deutschen Baronen ein italienischer Fürst mit seinem Leibarzt; dann der preußische Gesandte und bevollmächtigte Minister in Hamburg, Graf Metternich, dem der Damensalon der zweiten Kajüte als Wohn- und Schlafraum eingerichtet wurde und der immer allein speist, ein vornehm sich abschließender, aber in seiner äußern Erscheinung sehr einfacher Herr! — Von den übrigen Sterblichen stelle ich dir als freundnachbarlich Gesinnte noch vor ein prächtiges junges Ehepaar aus Konstanz, das Bild von Kraft und Gesundheit und frohem Lebensmut, das überall tapfer mitmacht, Nordkap und andere Hindernisse spielend besiegte und photographisch fixiert, was immer zu haben ist.
Der Gewalthaufen der Reisenden gehört Amerika und Deutschland; England ist gar nicht vertreten. Dagegen hört man einigenorts die gemütliche Wiener Sprache; u. a. ist anwesend Baron von Suttner (Onkel der Friedensfürstin) mit einer Tochter, der schon vor 45 Jahren mit seinem Erzieher ganz Norwegen bereist hat und ein damals angefertigtes Skizzenbuch zur Vergleichung mit der Gegenwart bei sich trägt — ein äußerst jovialer alter Herr und köstlicher Erzähler, bei dem allerdings das jetzige Norwegen gegenüber dem der guten alten Zeit bös wegkommt. „Früher verstanden die Leute wenigstens norwegisch; jetzt aber, seit so viel Englisches im Land ist, verstehen sie gar nichts mehr und glotzen Einen nur so an, wenn man in ihrer Muttersprache zu ihnen spricht.“
Vom langen Deckspaziergang ermüdet, und um angesichts des vielen Absurden und Unglaublichen, was die menschliche Kreatur zur Schau trägt, nicht ein loses M—und zu bekommen, lade ich dich zum Besuche der Gesellschaftsräume unseres Schiffes ein. Da thront über den Speisesälen erster Klasse ein Schreibesalon in goldüberladenem Roccocostil, Wände und Plafond künstlerisch bemalt, und in Verbindung damit eine wohlgeordnete Bibliothek, jede Ecke, wie überhaupt das ganze Schiff, vornehm elektrisch beleuchtet. Ein Druck auf den elektrischen Knopf und es kommt angesaust der Library-Steward und präsentiert dir, was du aus dem aufliegenden Bücherkataloge ausgewählt hast. Auch alle Schreibrequisiten, vor allem hochelegantes Briefpapier und Enveloppen, stehen zu freier Verfügung und werden in unglaublicher Quantität, in tausenden von Bogen, beansprucht, großenteils auch verschleudert.
Da die Tische alle von schreibenden und whistspielenden Ladies besetzt sind, wandern wir weiter gegen die Mitte des Schiffes; dort liegt der Konversations- und Musiksalon, in seiner Ausstattung eine Sehenswürdigkeit für sich; in der Mitte ein herrlicher Flügel von Steinweg, extra für die „Auguste Viktoria“ gebaut und dem Stil des Raumes angepaßt. Zehn Schritte weiter betreten wir das Eldorado des Mannes, den Bier- und Rauchsalon I. Klasse, ein Wunder der Holzarbeit und Malerei, durch vier elektromotorische Ventilatoren gelüftet. Belegte Brötchen aller Art, vom Caviar bis zum geräucherten Lachs, liegen à discrétion bereit, und frisches Münchner, Pilsener und Lagerbier vom Faß ist jederzeit zu haben und wird sowohl zur Bekämpfung der Hitze wie zur Überwindung der Kälte gehörig genossen. Die Frage nach „frischem Anstich“ wird von dem Biersteward als persönliche Beleidigung aufgefaßt: „Was glob’n Sie denn! Wo’s Tag und Nacht so läuft wie bei uns, da soll’s ein lackes Bier geben?“
Von hier aus, in bequemem Rauchstuhl ausgestreckt, oder aber, wenn du es vorziehst, auf offenem Deck genießen wir das von 10-11 Uhr stattfindende Frühkonzert unserer Schiffskapelle. Ob’s windet und bläst, ob’s schwankt und rollt — die Kapelle thut ihre Pflicht; es soll sogar einmal vorgekommen sein, daß die beiden Clarinettisten abwechslungsweise je einige Takte ihre Stimme spielten und — über Bord seekrank waren, ohne je das Instrument aus der Hand zu legen. Allers, der Humorist, hat die Szene illustriert.